15. Apr, 2018

"Wir suchen uns unser Leben nicht raus, sondern das Leben uns."

Ronny K. ist tot und er wurde keine 40 Jahre alt. Er starb an einem Unfall, der kurioser Weise wie ein Puzzleteil in sein Leben passt.
Ruhe in Frieden Ronny; und ich bin mir sicher, dass das nicht in der Hölle ist.

14. Nov, 2017
30. Dez, 1998

"Wenn ich sterbe komme ich in den Himmel, weil ich meine Zeit in der Hölle verbracht habe!"

Ronny K. (* 19xx; † 201x)
30. Nov, 1998

Mein Name ist Ronny K. und ich habe einen Großteil meiner Kindheit in Erziehungsheimen der damaligen DDR (Deutschen Demokratischen Republik) verlebt; immer wissend ein „Fehler“ im System zu sein. Ich bezeichne mich selbst deshalb so, weil man mir ununterbrochen das Gefühl gab etwas Schlechtes zu sein.

Warum sonst reißt man ein Kind aus den Armen seiner Mutter?

Ich möchte mit diesen Zeilen versuchen denjenigen Personen zu erklären, welche nicht nachvollziehen können, wie ein so junger Mensch wie ich nur so kalt, aggressiv, unzufrieden und unnahbar sein kann.


Eingeschult wurde ich in eine Sprachheitsschule aufgrund meines Sprachfehlers. Dieses erste Schuljahr sollte eigentlich der Verbesserung meines Sprachfehlers dienen, aber die sogenannte „Heilung“ wurde nicht erreicht, was wohl daran lag, dass nur der Name der Schule ein Synonym war.

So war es nur eine Folge, dass sich die Sprachstörung bei mir ständig verschlimmerte. Nach Absolvieren, wechselte ich auf eine damalig übliche POS (Polytechnische Oberschule), welche heute mit einer Grundschule gleichzustellen ist. Ich bin schon immer bei Dingen die mich interessieren sehr lernbegierig gewesen, darum war meine Mitarbeit sehr gut und ich meldete mich oft zu Wort. War ich dann an der Reihe brachte ich jedoch kein Ton heraus, wofür ich Spott und Tadel erntete. So sagten einige Lehrer zu mir, dass ich mich nicht melden solle, wenn ich ja doch keinen Ton herausbringen würde.

Heute frage ich mich, was dabei gewesen wäre einen Moment zu warten, bis ich es hätte sagen können.

Es ist ja wohl die Aufgabe von Lehrern Wissen zu vermitteln und somit eine Stütze beim Lernen zu sein. Aber haben sie das Recht zwischen gesunden und in irgendeiner Art gestörten Kindern zu differenzieren? Ich denke nicht.

In diesen Situationen bekam ich des öfteren immer derbere Wutanfälle, in denen sich Tränen, Schreie und Zerstörungswut abwechselten. Eskaliert ist es in der Mitte des dritten Schuljahres, als meine Klassenlehrerin Übungsaufgaben, die wir auf Note machen mußten, austeilte. Sie begann mit den schlechtesten Noten ohne jeglichen Kommentar. Am Ende hatte sie nur noch eine Arbeit, sie stellte sich vor die Klasse und sagte: „Nun stellt euch mal vor wer die einzige Eins geschrieben hat, der K. der Stotterfritze“. Vielleicht sagte sie dies, weil ihre Musterschüler schlechter abgeschnitten hatten als ich, und trotz meiner sehr guten Leistung lachten alle über mich und das was sie gesagt hatte.

Ich bekam einen so üblen Anfall, der damit endete, dass ich meinen Stuhl zu ihr vorwarf.

Danach ging alles ganz schnell und der Rat der Stadt Gera beschloß meine Heimeinweisung. „Der Rat der Stadt“, diese Bezeichnung muß man sich einmal durch den Kopf gehen lassen. Da saßen ungefähr ein Dutzend Leute und entschieden zum Wohl der Stadt, dass es besser wäre einen knapp achtjährigen Jungen ins Heim zu stecken; welch riesige Verantwortung müssen die wohl gehabt haben?

Meiner Mutter sagten Sie, dass sie nicht in der Lage sei eindringlich erzieherisch auf mich einzuwirken, da sie alleinstehend ist und täglich lange arbeiten müsse. Daher ist es notwendig mich in staatliche Obhut zu übergeben. Man ließ ihr keine Chance und nahm ihr das was sie am meisten liebte; mich.

Daraufhin kam ich in ein Kinderheim nach Jena, was dann ja wohl das Anfang vom Ende war. Das Heim fasste circa 30 Kinder und das Gebäude war so eine Art Villa. Hier waren wir zwar alle immer in Gesellschaft, aber doch sehr einsam. In dem Heim ging es ziemlich familiär zu, was wohl daran lag, dass die Erzieher meist ältere Damen waren. Sie waren bemüht und versuchten uns Nähe und Wärme zu vermitteln, aber ein Ersatz für die eigene Mutter waren sie wohl nie.

An jedem Tag gab irgendwo im Haus bittere Tränen, und hätte man sie alle aufgefangen, gäbe es heute ein Meer aus Tränen.

In dem Heim waren die Kinder aus den unterschiedlichsten Gründen. Die einen hatten ihre Eltern verloren und die anderen waren sogenannte Wochenendkinder, weil ihre Eltern in der Woche keine Zeit für sie hatten. Und manche, wie ich, mussten hier sein, um den richtigen Ton und ein normales Verhalten gegenüber autoritärer Personen zu erlernen.

Anfangs war es für mich absolut schlimm. Ich weinte sehr oft und intensiv, da mir meine Mutter schrecklich fehlte. Infolge kapselte ich mich völlig ab und war zu jedem sehr bösartig. Besuche gab es nicht oft. Aber wenn, gingen wir spazieren und sowohl meine Mutter wie auch ich weinten die ganze Zeit. Die Abschiede waren jedes Mal von Weinkrämpfen meinerseits geprägt. Ich schrie nach meiner Mutter und flehte dabei, dass sie mich mitnehmen solle; ohne Erfolg natürlich.

In dieser Zeit begann ich meiner Mutter die Schuld dafür zu geben, dass ich sie nicht sehen konnte. Ich redete mir immer wieder ein, dass sie mich weggegeben hat, weil sie mich nicht mehr liebhat und mich nicht mehr wollte; und es sollte sich nie wieder eine richtige Bindung zwischen Mutter und Sohn ergeben. Unfähig die eigene Mutter zu lieben war somit das Ergebnis meiner Heimzeit in Jena.

Nach anderthalb Jahren Kinderheim in Jena, in denen mein Verhalten immer drastischer und unberechenbarer wurde, hat man mich sodann in das Spezialkinderheim nach Bad Langensalza gebracht und meine Mutter hatte man erst gar nicht darüber informiert. Sie hat es erst erfahren, als sie mich in Jena besuchen wollte, und wieder hatte sie keine Chance dagegen vorzugehen und musste es einfach hinnehmen. Dabei erlitt sie fast einen Nervenzusammenbruch, weil von einem Spezialkinderheim nie die Rede war.

Da war ich nun in dem Spezialkinderheim für schwererziehbare Kinder und Jugendliche "Werner Seelenbinder" in Bad Langensalza, und dort war alles ganz anders. Das Heim war viel größer sowie unpersönlicher und es wirkte eiskalt. Ein riesiger Komplex, welcher auch noch wie ein Gefängnis ringsherum eingezäunt war; und sie gaben einem dort das Gefühl etwas Schlechtes zu sein. Was von da ab folgte hatte meiner Meinung nach absolut nichts mit Erziehung zu tun und eine Möglichkeit meine Mutter zu sehen wurde mir auch das erste halbe Jahr völlig verwehrt.

Als ich sie dann nach einer sogenannten sechsmonatigen Eingewöhnungszeit wiedersah, war meine Bitterkeit ihr gegenüber sehr, sehr deutlich. Ich machte ihr schreckliche Vorwürfe, ohne den Versuch, das was sie sagte zu verstehen. Als ich nach meiner Ankunft durch den Heim- und den Gruppenleiter belehrt wurde und sie mir mein Erzieher vorgestellt haben sowie ich meine Klamotten bekam, brachte man mich sodann in einen Gruppenbereich. Davon gab es mehrere in Altersgruppen zugeteilt mit jeweils eigener Etage.

Wenn ich heute die Augen schließe, sehe ich noch immer den elend langen Flur auf dem gleich links das geräumige Erzieherzimmer war, in dem man auch die Post und Pakete erhielt. Die rechte Seite war übersät mit Türen hinter denen die Schlafräume waren, deren spartanische Ausstattung mit einer Gefängniszelle vergleichbar war. Drin waren zwei Doppelstockbetten, zwei Doppelschränke, vier Stühle und ein Tisch, und es fehlten nur noch die Gitter vor den Fenstern. Weiterhin gab es noch einen Gemeinschaftswaschraum in kalten braunen Kacheln gefliest. Und am Ende des Flures befand sich unser Gruppen- und Fernsehraum. Ich betrat erstmalig meinen Gruppenbereich und sofort kam ein Junge auf mich zu. Er war etwa in meinen Alter und schrie mich gleich furchtbar mit folgenden Worten an: „Da du hier neu bist, wirst du ab heute jeden Tag mein Bett und Schrank bauen“. Ich ließ sofort mein Bündel fallen und ...

Von nun an baute er täglich mein Bett und brachte meinen Schrank auf Vordermann.

Tja, wenn ich eines in der ganzen Zeit „da drin“ gelernt habe, dann war es, dass ich mein Recht durchsetzen muss.

Mit Gewalt und nur mit Gewalt, denn nur die Starken überleben. Das Merkwürdige war, mein Erzieher sah die ganze Zeit zu und sagte überhaupt nichts. Erst nachdem wir uns „fertig geprügelt“ hatten, kam er auf mich zu und brüllte mir ins Gesicht. Er freue sich darüber, wie gut und schnell ich mich doch eingelebt hätte. Dass ich kaum angekommen, hier gleich negativ auffallen müsse. Ich sollte mich äußern. Ich wollte, war aber so aufgeregt, dass ich wieder einmal keinen einzigen Ton herausbrachte. Beim brüllen unterließ er es nicht mich immer wieder anzustoßen. Ich konnte nur noch heulen und brachte immer noch keinen Mucks heraus. Dadurch fühlte er sich wohl provoziert, dachte ich habe auf stur geschalten und ehe ich mich versah hatte ich meine erste Ohrfeige.

Was passiert mit einem kleinen Kind, wenn es von einem erwachsenen Mann geschlagen wird -fällt es einfach um.

Mit Fingerstriemen auf der Wange durfte ich anschließend noch zwei Stunden „Strafe stehen“. Einfach nur dastehen ohne etwas sagen zu dürfen -wie sinnlos.

Am Abend gingen wir dann mit der Gruppe gemeinsam zum Abendbrot. Im Speisesaal hatte jede Gruppe ihren eigenen Tisch, an dem der Erzieher immer an der Stirnseite saß; um uns auch noch beim Essen zu beobachten. Wir saßen gerade alle am Tisch und aßen, als ich zum zweiten Mal an diesem Tag von meinem Erzieher angebrüllt wurde. Dabei zuckte ich so zusammen, dass mir selbst das Besteck aus den Händen fiel.

Totale Blamage, denn jeder drehte sich zu mir um. Er schrie, was ich mir einbilde den anderen das Essen wegzuessen. Woher sollte ich denn wissen, dass man Kindern das Essen abzählt. Wieder einmal brachte ich kein Ton heraus und durfte deshalb den Rest des Abendbrotes hinter meinen Stuhl stehen und den musste den anderen beim essen zusehen. Zusätzlich war ich auch noch mit dem Tischdienst dran, um mir besser meiner Schuld bewusst zu werden. Nachdem wir wieder auf unserem Bereich waren, hieß es dann Saubermachen. Fegen, wischen sowie blockern; und zwar den ganzen Bereich.

Nachdem allem, lag ich in meinem Bett und habe ich nur noch geweint. Doch mit der Zeit viel mir das Weinen immer schwerer. Denn wenn man weiß was immerfort auf einem zukommt, wird es von Mal zu Mal einfacher stehenzubleiben oder sich auch einmal zu ducken.

Abends versammelten wir uns jeden Tag im Gruppenraum und wir Kinder mussten die „Aktuelle Kamera“ anschauen.

Im Anschluss erfolgte ein so genanntes aktuell-politisches Gespräch über die jeweiligen Themen der Nachrichtensendung, welche im Grunde immer Dieselben waren. So predigte man uns täglich, wie schlecht doch der Westen Deutschlands mit seinem kapitalistischen System und somit mit seiner Gewalt sowie Arbeitslosigkeit ist.

Wir sollten doch schließlich Stolz sein, dass wir in so einem starken sozialen Staat zu leben; wie gut es doch den DDR-Bürgern ginge und jeder von uns den Sozialismus lieben und den Kapitalismus verachten sollte.

Tja, logischerweise wird Verbotenes für Kinder interessant, und im Laufe der Zeit rückte die Milkaschokolade vor die Schlagersüßtafel -um mal ein Beispiel zu nennen.

Keine Ahnung was sich „Diese Pädagogen für den Sozialismus“ dabei gedacht haben, uns derartig zu sozialisieren, so dass am Ende der Drang zum Gegenteil nur eine logische Konsequenz war; haben sie wohl nicht vermutet.

Ich würde diesen Leuten gerne sagen, dass ich mich gerade deshalb heute für den Nationalismus interessiere und auf ihren Sozialismus sch...

Auch frage ich mich, wer denen das Recht gab, mich als Kind so in die Enge zu treiben. Mich zu politischen Aussagen zu zwingen, dessen Inhalt ich damals nicht im Geringsten verstand.

Des Weiteren hätte große Lust dazu, diesen Typen ins Gesicht zu treten und sie zu bespucken, um sie dann zu fragen, ob Gehirnwäsche zu einer Kindererziehung gehört.

Eigentlich hätten sie mich auch in ein Internierungslager stecken können, um das Hauptziel zu erreichen -den Sozialismus einzupflanzen“. Sie haben doch gegen das angeblich Schlechte genauso propagiert. Früher war es halt der gehobene rechte Arm in Braunhemd mit Hakenkreuz, später in DDR-Zeit war es die geballte Faust mit dem Fahneneid in Pionierbluse mit dem Halstuch oder in Thälmannbluse und das Käppi.

Wenn ich so darüber nachdenke, ist doch einfach jedes System gleich, denn jedes übernimmt die Fehler der anderen.

Warum eigentlich verurteilten die DDR-Bosse die Nazizeit; waren sie doch nicht viel besser. Leute die durch Unzufriedenheit die Flucht versuchten, wurden einfach erschossen. Andere die nicht ins System passten, wurden jahrelang dafür einfach eingesperrt; ebenfalls mit kostenloser Umerziehung.

Die schulische Ausbildung im Heim, über der auch das Rote Tuch wehte, war einfach „spitze“.

Man war darauf bedacht, keine dummen Menschen ins Leben zu entlassen. Als ich Bad Langensalza verlassen habe, hatte ich immerhin einen Notendurchschnitt von 1,4; was teilweise daran lag, dass vom schulischen Leistungsstand der Ausgang und Urlaub abhing.

Hatte man also gute Leistungen in der Schule erbracht, erhöhten sich die Chancen auf einen längeren Stundenausgang. Logisch also, dass sich jeder, der konnte, hineinkniete. Pech hatten dabei nur die, die Lernschwierigkeiten aufwiesen.

Sadistischer Weise wurden sie dafür auch noch bestraft. Bestraft dafür, weil sie langsamer waren als die Normalen. Aber was ist normal, wo sie doch immer sagten, dass jeder Mensch gleich ist.

Es gab damals genauso viele „Analphabeten“ in normalen Schulen und keiner sagte jemals, sie seien abnormal und bestrafe sie dafür. Man zog sie einfach mit, um das Gesamtbild des Sozialismus sauber zu halten.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass Lernbehinderte Kinder, des Öfteren von Lehrern und Erziehern in unmenschlicher Art verspottet wurden.

So war ich glücklich darüber, wenigstens in der Schule zu den Besseren zu gehören und somit von solchen Angriffen verschont wurde.

So kam es zum Beispiel vor, dass man die Lernschwachen mit einem Schlüsselbund bewarf. Nur, weil sie sich nach Ansicht der Lehrer zu blöd beim Lösen einer Aufgabe anstellten. Vielleicht machte es sie aber auch wütend einsehen zu müssen, dass sie beim geringsten Problem unfähig waren, etwas zu vermitteln. 

Ich überlege wer es heute zu verantwortet hat, dass solche Menschen die Kinder und die Jugendlichen unterrichten durften, wo sie doch selbst unfähig waren, Zeit in die Ausbildung eines Kindes zu investieren. Mit Zwang und Gewalt bringt man doch niemanden zum Lernen.

Wäre die Dauer des Ausganges nur nach den schulischen Leistungen entschieden wurden, hätte ich wohl jedesmal lange Zeit mit meiner Mutter zusammensein können. Aber es gab auch noch weitere Kriterien nach denen entschieden wurde.

In erster Linie natürlich nach dem Verhalten im jeweiligen Abschnitt, sprich im Zeitraum von Besuch zu Besuch. Wurden jedoch Verhaltensstörungen bemerkt, konnte man in der Schule noch so gut sein wie man wollte.

Meine Mutter die damals in Berlin gearbeitet hat, kam manchmal nach stundenlanger Autofahrt im Spezialheim an. Um zu erfahren, dass ich nur zwei Stunden Ausgang hatte. Man kann man sich nur vorstellen, wie sie sich gefühlt haben muß.

Natürlich regte ich mich jedesmal furchtbar gegenüber meines Gruppenleiters darüber auf. Neben den gewohnten Ohrfeigen und Tritte in den Hintern, war das Säubern des gesamten Gruppenbereiches die darauffolgende Antwort. Aber wie gesagt, man hat keine Angst vor dem was man gewohnt ist; und so wurde die (meine) Rebellion zu einem Zeitvertreib. Irgendwann entschied ich halt eben dafür, gegen den Strom zu schwimmen -keine Maske zu tragen, um anderen zu gefallen und zu sagen was man denkt.

Zwar gab es auch weiterhin Handgreiflichkeiten, doch als man merkte, dass man mich eigentlich so nicht mehr bestrafen konnte wie sie es taten, machte man mich einfach lächerlich. So lächerlich, dass es auch jeder sehen konnte.

So musste ich beispielsweise den ganzen Tag drei Wochen lang eine heimeigene Strafkleidung tragen. Diese Strafkleidung bestand aus einer Hose aus Kartoffelsackstoff mit bunten Nähten. Die Klamotte war an Peinlichkeit nicht zu übertreffen und ich wäre am liebsten vor Scham in den Boden versunken. Dementsprechend war ich dem Spott aller anderen Kinder ausgesetzt. 

Wenn man jedoch einen guten Stand besaß, hatte man eigentlich seine Ruhe. Um aber erst einmal so eine Position zu erreichen, musste man sich im wahrsten Sinne des Wortes hochkämpfen. Absolut nichts durfte man sich gefallen lassen und jede Meinungsverschiedenheit wurde sofort mit Gewalt gelöst. Dabei war es egal ob man verlor; hatte man doch immerhin Mut bewiesen und war nicht ganz unten in der Rangordnung. Ließ man sich jedoch schlagen ohne sich zu wehren, war man ein absolutes Nichts und wurde auch von den anderen Kindern so behandelt -wobei dann Putzen für die Anderen noch das Geringste war. Die Erzieher und Lehrer sahen dabei jedes Mal nur zu und griffen nie ein, und ließen uns dadurch Freiraum zur Selbsterziehung; bestraften jedoch alle Beteiligten im Nachhinein.

Ich jedenfalls hatte einen sehr guten Stand unter den anderen Kindern im Heim. Um diesen zu wahren gab es für alle die lachten auf die Fresse, und somit waren Schlägereien an der Tagesordnung. Dies hatte wiederum zur Folge, dass ich die bescheuerte Hose noch länger anziehen musste, und für den einen oder anderen (oder insbesondere für mich) wurde die Hose zur Standartbekleidung.

Für Petzen innerhalb der Gruppe konnten die Strafen verheerend sein. Die härteste Bestrafung nannte sich „Kuckuck“.  Links und rechts den Flur standen wir Glied an Glied bewaffnet mit Besen- und Schrubberstielen. Der Denunziant musste sodann von vorn bis hinten bei völliger Dunkelheit durch dieses Spalier laufen und jedes Mal, wenn er von einem Schlaggerät getroffen wurde ganz laut Kuckuck rufen. Nur Wenige sind durchgekommen.

Am Anfang tat es mir noch Leid an so herben Aktionen teilnehmen zu müssen. Doch mit der Zeit spürte ich kein Mitgefühl mehr; wusste ich doch, dass nur die Harten durchhalten. Und weigerte ich mich mitzumachen, wäre ich sofort der nächste Kandidat für diesen Lauf.

Misshandlungen, ob in körperlicher oder seelischer Form, gab es immer und diese waren somit von seitens der Erzieher und Lehrer oder unter uns Heimkindern an der Tagesordnung. Dazu auch ein Beispiel. Manchmal lagen wir in unserem Betten und erzählten; was ja auch verboten war. Wenn man Pech hatte hörte dies der Nachtdienst. Dann wurden wir aus dem Bett gezerrt und mussten stundenlang kerzengerade auf dem Flur stehen. Dabei ging die Nachtwache ans uns vorbei und fragte fortwährend, wer die Erzähler waren. Natürlich gaben wir keine Antwort, weil wir (und nun auch Du) ja genau wussten was mit Petzen passiert. So bekamen wir Kopfnüsse oder man drehte uns die Nase krumm; und manchmal schlug man auch richtig zu. Irgendwann durften wir wieder ins Bett und es gab eine Meldung ins Nachtbuch und am nächsten Morgen gab es dann die gewohnten Bestrafungen durch unseren Gruppenleiter.

An so was gewöhnte man sich, aber ein Bild habe ich heute noch immer vor den Augen. Ein Anblick von dem wohl gewalttätigsten Akt von seitens eines sadistischsten Erziehers (ein Typ wie ein Bär), der gleichzeitig auch unser Sportlehrer war. Wir mussten am Morgen zum Frühstück antreten. Dabei hatten wir einen Jungen in unserer Gruppe, der bei jedem Problem seine Warzen an den Händen aufbiss; wie auch an jenem Morgen, weil ihn unser Sportlehrer fortwährend anschrie: „Er solle sich beeilen“. Naja, auf jeden Fall fing er an seine Warzen aufzubeißen. Da ist der Erzieher total ausgeflippt. Er griff nach dem Jungen und warf ihn einfach in die Luft und im Fallen schlug er mit der Faust mit voller Wucht in sein Gesicht. Danach lag der Junge bewegungslos auf den Boden. Als ich den Jungen ansah habe ich von seinem Gesicht so gut wie nichts mehr erkannt. Alles voller Blut, welches überall herauslief.

So etwas habe ich mein ganzes Leben lang nicht noch einmal gesehen; und übrigens den Jungen auch nie wieder -keine Ahnung was mit ihm geschehen ist.

Neben Gewalt gab es immer und immer wieder Schikanen, welche aber genau so weh taten wie geschlagen zu werden. So wurde einmal mein Geburtstagspaket, welches aus dem Westen kam, von den Erziehern geplündert und man gab mir nur Reste; halbleere Schokoladenschachteln und Kaugummis. Alles andere haben sie mir rausgeklaut, um es am Abend stolz ihren Kindern zu schenken -so denke ich jedenfalls. Auf meine Frage, wo denn das andere Zeug war, gab es mal wieder Strafstehen und eins zwei Ohrfeigen obendrauf, weil ich ihn noch als Lügner und Dieb bezeichnet habe.

Bei Heimweh wollte nur noch zu meiner Mutter; ich heulte und wollte meine Ruhe. Aber die Erzieher waren der Ansicht, dass ich meinen Schrank aufräumen solle, nachdem er umgekippt wurde. Nebenbei wurde ich beschimpfte mit Ausdrücken wie Bastard und es wurde sich, wie so oft, über meinen Sprachfehler lustig gemacht. „Deine Mutter will dich nicht mehr und deshalb bist du hier“ war der Auslöser, dass ich mit einen Stuhl auf meinen Erzieher losging. Die Folgen dieses Angriffsversuches waren dann aber deutlich an mehreren Stellen meines Körpers zu sehen.

Wenn ich an die Heimzeit zurückdenke, gibt es kaum etwas Positives, was ich mit dieser Zeit verbinden kann und die Auswirkungen auf meine Persönlichkeit und somit auf mein gesamtes Dasein sind wohl mehr als verheerend!

Jetzt (im Alter von 24 Jahren) wo ich all dieses auf Papier bringe, sitze ich gerade eine dreienhalbjährige Haftstrafe (u.a. wg. gefährlicher Körperverletzung) in einem Gefängnis ab -und ich meine zu wissen, wer im Grunde die Verantwortung dafür zu tragen hat.

Es ist kaum verwunderlich, dass mein bisheriges Leben von exzessiven Momenten geprägt war Löste ich doch im Laufe der letzten Jahre jedes Problem mit Gewalt, begegne ich jedem Menschen völlig respektlos. Bin ich doch auch heute noch darauf bedacht meine Gier nach Selbstbestätigung zu stillen, da auch heute noch nur die Härtesten überleben.

Wann kann ich erlernen Problemsituationen nicht mit der Faust zu argumentieren, und somit frage ich mich, ob es überhaupt noch eine Chance gibt, mich zu humanisieren? Auf keinem Fall im Knast, denn diesen habe ich doch als Kind schon erlebt.

  • Ist jemand in der Lage meine seelischen Wunden zu heilen und mir die Fähigkeit zurückzugeben, meine Mitmenschen zu lieben und muss ich mich eigentlich dafür schämen, ganz genau zu wissen, dass ich beim nächsten geringsten Problemfall wieder mit Gewalt reagiere. Ist es schlimm zu wissen, dass ich wohl nie ein normales Leben führen werde und wäre es vielleicht nicht besser mich zu isolieren um der Gefahr zu entgegnen und bezahle ich nicht schon mein ganzes Leben für die Fehler der Anderen -und was ist eigentlich mit dem Artikel 1 Grundgesetz gemeint und, und, und ?

 Wenn ich heute einem Erzieher oder einem Lehrer aus dem Heim gegenüberstände würde ich fragen: „Warum, warum hast du mir das angetan?"

31. Okt, 1998

Weil mir endlich einmal jemand zuhörte und für mich "als Mensch so wie ich bin" interessierte. Er ermutigte mich und forderte mich auf, mir all dies von der Seele zu schreiben und an Euch weiterzugeben. Das Ergebnis meines Blogs sollte kein Mitleid sein, nur etwas Verständnis dafür, warum ich manchmal so bin wie ich bin. 

Es tat gut, aber die Wunden werden wohl niemals heilen und immer wieder bei der geringsten Krise aufplatzen; und wenn, ertränke ich die Erinnerungen bis zu Bewusstlosigkeit im Alkohol.