23. Nov, 2017

Fortsetzung - Jena - online seit 23.11.2017

Fortseztung - Bad Salzungen - folgt demnächst

14. Nov, 2017
10. Nov, 2017

"Wenn ich sterbe komme ich in den Himmel, weil ich meine Zeit in der Hölle verbracht habe!"

Ronny K. (* 19xx; † 201x)
30. Nov, 1998

Mein Name ist Ronny K. und ich habe einen Großteil meiner Kindheit in Erziehungsheimen der damaligen DDR (Deutschen Demokratischen Republik) verlebt, immer wissend ein „Fehler“ im System zu sein. Ich bezeichne mich selbst deshalb so, weil man mir das Gefühl gab etwas Schlechtes zu sein, denn warum sonst reißt man ein Kind aus den Armen seiner Mutter.

Ich möchte mit diesen Zeilen versuchen denjenigen Personen zu erklären, welche nicht nachvollziehen können, wie ein so junger Mensch nur so kalt, aggressiv, unzufrieden und unnahbar sein kann.


Eingeschult wurde ich in eine Sprachheitsschule aufgrund meines Sprachfehlers. Dieses erste Schuljahr sollte eigentlich der Verbesserung meines Sprachfehlers dienen, aber die sogenannte „Heilung“ wurde nicht erreicht, was wohl daran lag, dass nur der Name der Schule ein Synonym war.

So war es nur eine Folge, dass sich die Sprachstörung bei mir ständig verschlimmerte. Nach Absolvieren, wechselte ich auf eine damalig übliche POS (Polytechnische Oberschule), welche heute mit einer Grundschule gleichzustellen ist. Ich bin schon immer bei Dingen die mich interessieren sehr lernbegierig gewesen, darum war meine Mitarbeit sehr gut und ich meldete mich oft zu Wort. War ich dann an der Reihe brachte ich jedoch kein Ton heraus, wofür ich Spott und Tadel erntete. So sagten einige Lehrer zu mir, dass ich mich nicht melden solle, wenn ich ja doch keinen Ton herausbringen würde.

Heute frage ich mich, was dabei gewesen wäre einen Moment zu warten, bis ich es hätte sagen können.

Es ist ja wohl die Aufgabe von Lehrern Wissen zu vermitteln und somit eine Stütze beim Lernen zu sein. Aber haben sie das Recht zwischen gesunden und in irgendeiner Art gestörten Kindern zu differenzieren? Ich denke nicht.

In diesen Situationen bekam ich des öfteren immer derbere Wutanfälle, in denen sich Tränen, Schreie und Zerstörungswut abwechselten. Eskaliert ist es in der Mitte des dritten Schuljahres, als meine Klassenlehrerin Übungsaufgaben, die wir auf Note machen mußten, austeilte. Sie begann mit den schlechtesten Noten ohne jeglichen Kommentar. Am Ende hatte sie nur noch eine Arbeit, sie stellte sich vor die Klasse und sagte: „Nun stellt euch mal vor wer die einzige Eins geschrieben hat, der K. der Stotterfritze“. Vielleicht sagte sie dies, weil ihre Musterschüler schlechter abgeschnitten hatten als ich, und trotz meiner sehr guten Leistung lachten alle über mich und das was sie gesagt hatte.

Ich bekam einen so üblen Anfall, der damit endete, dass ich meinen Stuhl zu ihr vorwarf.

Danach ging alles ganz schnell und der Rat der Stadt Gera beschloß meine Heimeinweisung. „Der Rat der Stadt“, diese Bezeichnung muß man sich einmal durch den Kopf gehen lassen. Da saßen ungefähr ein Dutzend Leute und entschieden zum Wohl der Stadt, dass es besser wäre einen knapp achtjährigen Jungen ins Heim zu stecken; welch riesige Verantwortung müssen die wohl gehabt haben?

Meiner Mutter sagten Sie, dass sie nicht in der Lage sei eindringlich erzieherisch auf mich einzuwirken, da sie alleinstehend ist und täglich lange arbeiten müsse. Daher ist es notwendig mich in staatliche Obhut zu übergeben. Man ließ ihr keine Chance und nahm ihr das was sie am meisten liebte; mich.

Daraufhin kam ich in ein Kinderheim nach Jena, was dann ja wohl das Anfang vom Ende war. 


F O R T S E T Z U N G - Jena

Das Heim fasste circa 30 Kinder und das Gebäude war so eine Art Villa. Hier waren wir zwar alle immer in Gesellschaft, aber doch sehr einsam. In dem Heim ging es ziemlich familiär zu, was wohl daran lag, dass die Erzieher meist ältere Damen waren. Sie waren bemüht und versuchten uns Nähe und Wärme zu vermitteln, aber ein Ersatz für die eigene Mutter waren sie wohl nie.

An jedem Tag gab irgendwo im Haus bittere Tränen, und hätte man sie alle aufgefangen, gäbe es heute ein Meer aus Tränen.

In dem Heim waren die Kinder aus den unterschiedlichsten Gründen. Die einen hatten ihre Eltern verloren und die anderen waren sogenannte Wochenendkinder, weil ihre Eltern in der Woche keine Zeit für sie hatten. Und manche, wie ich, mussten hier sein, um den richtigen Ton und ein normales Verhalten gegenüber autoritärer Personen zu erlernen.

Anfangs war es für mich absolut schlimm. Ich weinte sehr oft und intensiv, da mir meine Mutter schrecklich fehlte. Infolge kapselte ich mich völlig ab und war zu jedem sehr bösartig.

Besuche gab es nicht oft. Aber wenn, gingen wir spazieren und sowohl meine Mutter wie auch ich weinten die ganze Zeit. Die Abschiede waren jedes Mal von Weinkrämpfen meinerseits geprägt. Ich schrie nach meiner Mutter und flehte dabei, dass sie mich mitnehmen solle; ohne Erfolg natürlich.

In dieser Zeit begann ich meiner Mutter die Schuld dafür zu geben, dass ich sie nicht sehen konnte. Ich redete mir immer wieder ein, dass sie mich weggegeben hat, weil sie mich nicht mehr liebhat und mich nicht mehr wollte; und es sollte sich nie wieder eine richtige Bindung zwischen Mutter und Sohn ergeben.

Unfähig die eigene Mutter zu lieben war somit das Ergebnis meiner Heimzeit in Jena.

Nach anderthalb Jahren Kinderheim in Jena, in denen mein Verhalten immer drastischer und unberechenbarer wurde, hat man mich sodann in das Spezialkinderheim nach Bad Langensalza gebracht und meine Mutter hatte man erst gar nicht darüber informiert. Sie hat es erst erfahren, als sie mich in Jena besuchen wollte, und wieder hatte sie keine Chance dagegen vorzugehen und musste es einfach hinnehmen. Dabei erlitt sie fast einen Nervenzusammenbruch, weil von einem Spezialkinderheim nie die Rede war.


Da war ich nun in einem Spezialkinderheim für schwererziehbare Kinder und Jugendliche, und dort war alles ganz anders. 

Wie es war folgt demnächst.

31. Okt, 1998

Warum ich dies niederschrieb?

Weil mir endlich nach einmal jemand zuhörte und mich dazu ermutigte; und sich all dies von der Seele zu schreiben tat gut.

Das Ergebnis sollte kein Mitleid sein, nur etwas Verständnis dafür, warum ich manchmal so bin wie ich bin.