Meine Geschichte

31. Dez, 2018
30. Dez, 2018

Aus Datenschutzgründen habe ich die Namen der Personen geändert.

26. Jan, 2018

Onkel Roland berührte mich nicht unsittlich. Das Höchste was er tat war, dass er mich mal von hinten mit beiden Armen in eine feste Umarmung zog und mich dabei fest an sich drückte. Ich starb jedes Mal tausend Tode, wenn er das tat, wie ich jedes Mal tausend Tode starb, sobald er unser Haus betrat. Doch er fasste nie irgendwohin, wo es sich nicht gehörte – außer, sich selbst in den Schritt.

Das ständige Lauschen darauf, ob er nun kommt oder nicht, schult das Gehör und das Gehirn ist mit der Zeit auf bestimmte Geräusche fixiert und geht auf seine Weise damit um: Ein sich öffnender Reißverschluss kann Brechreiz auslösen, auf dem Linoleum schabende Schuhsohlen hingegen, die das verspritzte Sperma gleichmäßig auf dem Fußboden verteilen, bis man es nur noch erahnen kann, wirken befreiend, läuten sie doch das Ende von etwas ein, das einem solche Angst macht, dass man tatsächlich jeden einzelnen des eigenen Herzschlages in den Haarspitzen sehen kann und das einen sich wirklich, wirklich wie Dreck fühlen lässt.

Ich war anscheinend nicht so blöd, wie meine Brüder mich gerne hinstellten. Wenn ich von der Schule nach Hause kam, befestigte ich eine dünne Schnur am Riegel vom Badezimmerfenster. Wenn ich Onkel Roland rechtzeitig kommen sah oder hörte, kletterte ich durchs Fenster, zog an der Schnur und legte draußen einen Stein auf die Schnur, sodass das Fenster von innen auf den ersten Blick geschlossen wirken musste. In der Hoffnung, dass ihm die Schnur am Badezimmerfenster nicht ins Auge fiel, schlich ich dann ums Haus herum und versteckte mich im Schuppen, bis ich sein Auto wieder wegfahren hörte.  Manchmal, wenn mir mein Gefühl schon auf dem Heimweg von der Schule sagte, dass er heute kommt, verschanzte ich mich gleich im Schuppen und wartete dort Stundenlang, bis ich entweder feststellen musste, dass mein Gefühl mich getäuscht hatte, oder Onkel Roland unverrichteter Dinge wieder wegfuhr.

Ich habe nie gelernt mich zu wehren. Diese Eigenschaft, sollte sie einem Menschen angeboren sein, hat man mir erfolgreich aberzogen. Wenn es allerdings um andere Menschen geht, dann kann ich zum Tier werden. Dieses Phänomen ist mir das erste Mal begegnet, als ich eine Freundin mit nach Hause brachte. Sie war eigentlich die Freundin meines nächstälteren Bruders Martin. Scheinbar hatte sie aber ein Gespür dafür, dass mit mir etwas nicht stimmte. Christine verbrachte viel Zeit mit mir und sie redete mir immer wieder gut zu, ihr vertrauen zu können, wenn es da etwas gäbe, über das ich gerne reden wöllte. Ich konnte aber nicht darüber reden, denn, wenn ich mich auch nicht richtig daran erinnerte, so wusste ich doch instinktiv, dass ich ein verdorbenes Miststück war. So etwas erzählt man nicht einem Menschen, von dem man so gerne gemocht werden wollte, wie ich es von Christine wollte. Sie war so ein hübsches Mädchen, mit langen braunen Locken und sie wirkte so selbstsicher und geradeheraus. Sie hatte etwas von Verena, die ich sehr vermisste, denn seit ich Verena nicht mehr an meiner Seite hatte, war auch die Schule wieder ein Spießrutenlaufen für mich. Mehr noch, als je zuvor.

Doch zurück zu  Christine. Eines Tages besuchte sie mich zu Hause. Wir saßen in der Küche, als ein Arm sich durch das Fensterchen in der Haustür schob und der Schlüssel sich im Schloss drehte. Onkel Roland marschierte zur Tür herein. Zunächst fühlte ich mich sicher, schließlich war ich nicht alleine und in Anwesenheit von Christine würde er doch sicher nicht … Oder?

Ich weiß nicht mehr wie die Situation außer Kontrolle geriet, jedenfalls umschlangen seine Arme plötzlich von hinten das schöne Mädchen, das ich so bewunderte und das plötzlich panisch in seinen Armen zu zappeln begann. „Nein, nein. Bitte nicht!“, schrie sie und ich vernahm die grenzenlose Angst in ihrer Stimme. Ein Gefühl das ich nur zur Genüge kannte und das dieses reine Geschöpf niemals spüren durfte. Als ich sah, wie seine Hand plötzlich ihre junge, unschuldige Brust umschloss und Christine gleichzeitig aufschreien hörte, war da plötzlich eine starke Seite in mir. Plötzlich hielt ich den Besen in meinen Händen und drosch damit auf den Kopf meines Onkels ein. Zunächst lachte Onkel Roland noch, doch ich hörte nicht auf, auf ihn einzuschlagen, bis er sie los lies. Wir flüchteten und ich verschwendete keinen Gedanken daran, dass ich meinem Onkel irgendwann wieder in die Augen schauen musste – wobei dies mehr im übertragenen Sinne gemeint ist, denn ich schaute – und schaue noch heute – Menschen niemals in die Augen. In diesem Moment war mir alles egal, wenn nur dieses Mädchen niemals dieselbe Angst erleiden musste, die längst eingefleischter Teil meines Lebens war.

12. Dez, 2017

So, wie mein Wunschdenken meiner Mutter während meiner Zeit bei den Schröders einen Heiligenschein aufgelegt hatte, der der Wahrheit nicht standhielt, so ähnlich tat ich es mit meinen Brüdern. Ich erinnerte mich nicht, dass sie mir je etwas Böses angetan hatten, und so kam ich „nach Hause“ und stand meiner Skepsis und meiner Ängstlichkeit meinen Brüdern gegenüber ratlos visasvis. Mir war, als müsste ich mich vor ihnen fürchten, doch mir fiel kein Grund dafür ein, also schimpfte ich mich eine Närrin. Das bildest du dir alles nur ein, die haben dir doch nichts getan – oder hatten sie doch?

Schnell wurde mir wieder klar gemacht, dass ich ein ausgesprochen dummes Geschöpf war, das doof geboren wurde und nichts dazu gelernt hatte. Viele, viele ähnliche Negativsprüche, die noch heute in meinem Hirn herum kreisen, als wären sie dort zuhause, sorgten dafür, dass ich den Zweifel an meiner Dummheit –  den Tante Helga, Verena und der Schulbesuch in Wesseling in mir gesät hatten – und den Glauben daran, dass ich vielleicht doch ein ganz normales Mädchen war, schnell wieder verwarf. Ich war blöd! Punkt! Das machten mir zwei  meiner Brüder tagtäglich klar. Wer war ich, daran zu zweifeln? 

Mein Vater fand schnell eine Arbeitsstelle in dem Neuen Zuhause und auch meine Mutter ging nun erstmals einer regelmäßigen Arbeit nach. Das bedeutete für mich, dass ich nach der Schule in ein leeres Haus kam. Und dies wiederum bedeutete eine neue Ära der Angst, hervorgerufen durch eine Person, die sich in filigranster Feinarbeit in mein Herz gestohlen hatte und der ich gelernt hatte vollkommen zu vertrauen.

Als mein Onkels Roland mich das erste Mal besuchte freute ich mich sehr über sein plötzliches Auftauchen. Er hatte mir während meiner Zeit bei den Schröders das Gefühl gegeben, das meine Familie für mich noch nicht gänzlich verloren war. ER WAR in dieser Zeit meine Familie. Ich wunderte mich ein wenig, dass er zu uns kam, obwohl doch meine Eltern gar nicht zu Hause waren, aber vielleicht hatte er das ja nicht gewusst, sagte ich mir. Wie genau er gerade das gewusst hatte, wurde mir schneller klar, als mir lieb war. Die rhythmischen Bewegungen, die er  unter dem Tisch ausführte und die immer schneller wurden und schließlich von heftigem Atmen begleitet wurden, ließen selbst in mir, einem achtjährigen Mädchen, keinen Zweifel darüber aufkommen, dass er etwas tat, was höchst ungehörig  und schlecht war. Mir wurde schlecht und ich schämte mich zu Tode für das, was er da vor mir tat. Doch das war nicht einmal das Schlimmste. Es war das Vertrauen, dass er in mir aufgebaut hatte und das von einem Augenblick auf den nächsten in Scherben zerbrach. Er war der einzige Mensch in meiner Familie – von meinem Vater einmal abgesehen – der mir Respekt entgegengebracht hatte. Er hatte mir das Gefühl gegeben, dass ich doch etwas wert war, dass ich nicht die war, die nicht mehr hätte sein müssen. Ich hatte mich in seiner Gegenwart so gefühlt, wie ein kleines Mädchen sich wahrscheinlich fühlen sollte: Wertvoll. Und nun saß er vor mir und befriedigte sich vor meinen Augen.

Diese Besuche wurden nun zur schönsten Regelmäßigkeit. Ich begann mich hektisch umzusehen, wenn ich von der Schule nach Hause kam, nach seinem Auto Ausschau zu halten. Und wenn es nicht da war, dann lauschte ich im Haus auf jedes Geräusch, das einem näher kommenden Fahrzeug ähnelte. In unserer Haustür befand sich ein winziges Guckfensterchen das von innen mit einem Riegel geschlossen wurde. Wenn meine Mutter zur Arbeit ging, legte sie den Riegel nicht vor das Fenster, griff von außen durch das Fensterchen, drehte den Schlüssel im Schloss herum und ließ ihn stecken. Dann zog sie das Fensterchen von außen zu. In umgekehrter Reihenfolge verfuhren wir, wenn wir von der Schule kamen um ins Haus zu kommen. Den Trick kannte auch mein Onkel Roland. Das bedeutete, dass ich im Haus nicht vor ihm sicher war. Natürlich hätte ich die Tür abschließen und den Riegel vor das Fensterchen legen können und er wäre ausgeschlossen gewesen, aber so dumm war ich dann doch nicht, dass ich nicht gewusst hätte, dass ich damit meine Anwesenheit verraten hätte, denn unser Fensterchen war immer auf, außer nachts.  Und die Stärke, mich im Haus zu verschanzen und sein Rufen zu überhöre, besaß ich nicht. Irgendwann hätte ich ihm wieder unter die Augen treten und ihm erklären müssen, warum ich ihm nicht geöffnet habe.  Man hatte mir rechtzeitig beigebracht, dass Erwachsene immer das Richtige taten und man sich als Kind kein Urteil darüber zu erlauben hatte. Man hatte einfach nur zu gehorchen.

31. Okt, 2017

Je länger ich bei diesen Leuten bleiben musste, umso sicherer war ich mir, dass ich meine Eltern nicht mehr wiedersehen würde. Schließlich, nach zwei Wochen, musste ich sogar die Schule dort besuchen. Diese Zeit bei den Schröders war eine schreckliche und eine schöne Erfahrung für mich. Schön, weil ich lernte, wie wundervoll es war in Verena eine Freundin gefunden zu haben. Eine Freundin, die mir half in der neuen Schule als „normales Kind“ angesehen zu werden. Mit Verena an meiner Seite war ich jemand. Schrecklich, weil ich ein fürchterliches Kind sein musste, wenn nicht mal die Mama es bei sich haben wollte.

Dann begann Onkel Roland, der Mann meiner ältesten Schwester, mich regelmäßig bei den Schröders zu besuchen. Oder besuchte er Onkel Peter? Die Männer saßen in der Küche und spielten Karten, doch stets fiel mindestens eine Stippvisite bei mir im Kinderzimmer für mich ab. Zunächst war ich auch ihm gegenüber sehr scheu, doch mit der Zeit lernte ich ihm zu vertrauen – oder er lernte, sich mein Vertrauen zu erschleichen, wie immer man das sehen will. Jedes Mal wenn er kam, hatte ich die unbändige Hoffnung, er würde mir etwas von meinen Eltern erzählen, mir vielleicht sogar einen Gruß von ihnen ausrichten. Er war die einzige Verbindung zu meiner Familie. Doch jedes Mal wurde ich enttäuscht. Er sprach nie über sie und ich traute mich nicht nach ihnen zu fragen. Trotzdem freute ich mich immer sehr auf und über seine Besuche. Nie hatte mir vor ihm jemand gesagt, dass ich ein hübsches kleines Mädchen war. Für mich hatte der „Liebe Gott“ vielmehr Definitionen wie: „doof wie Bohnenstroh“, „Dir haben sie doch ins Gehirn geschissen und vergessen umzurühren“ oder „Dein Gesicht auf’nem Butterbrot, ich könnte vor Lachen nicht mehr reinbeißen“ erfunden. Und nun war da mein Onkel, der eigentlich mein Schwager war, und umgarnte mich mit schönen Worten. Eine neue Erfahrung. Beängstigend und schön zu gleichen Teilen.

Anhand diverser Anmeldeformulare lässt sich ersehen, dass ich gute drei Monate bei dieser Familie blieben musste oder durfte. Eine gleichermaßen wunderbare wie traumatische Zeit, da ich von meinen Eltern in dieser Zeit keinen Zipfel zu sehen bekam. So wie sie mich hier zurückgelassen hatten, tauchten sie schließlich wieder auf. Ich kam von der Schule – und da waren sie. Wiederum ohne Erklärung, ohne Ankündigung. Da saß sie, meine Mama die ich so sehr vermisst hatte, von der ich mir in diesen drei Monaten ein Bild geschmiedet hatte, das nur mit dem Wort „Engel“ zu umschreiben war. Meine verblasste Erinnerung ließ sie zur Gutherzigkeit in Person werden, der liebenswürdigste Mensch auf Erden. Nie hatte ich je ein böses Wort aus ihrem Munde gehört. Die harten Blicke und eiskalten Worte, mit denen sie mich bedacht hatte, seit ich in ihren Augen zum Flittchen mutiert war, dass ihre Söhne schändlich verführt hatte, hatte ich einfach in einen weit entfernten Winkel meines Hirn geschoben, sowie den Missbrauch selbst auch. Umso barbarischer war es, die Wahrheit so plötzlich vor Augen geführt zu bekommen. Mama saß im Esszimmer der Schröders und würdigte mich keines Blickes, geschweige denn eines Wortes. Und auch mein Vater hatte nur ein kurzes: „Hallo Schneckchen“ für mich. Es war Onkel Roland, der sich die Mühe machte von seinem Stuhl aufzustehen und zu mir herüberzukommen. „Jetzt gehst du endlich nach Hause, Mädchen!“, versicherte er mir und fuhr mir mit der Hand übers Haar.

Die ersten Worte, die Meine Mutter an mich richtete waren typisch für sie, wie ich jetzt wieder wusste: „Los jetzt! Sachen packen und dann los!“