Meine Geschichte

31. Dez, 2017
30. Dez, 2017

Aus Datenschutzgründen habe ich die Namen der Personen geändert.

12. Dez, 2017

So, wie mein Wunschdenken meiner Mutter während meiner Zeit bei den Schröders einen Heiligenschein aufgelegt hatte, der der Wahrheit nicht standhielt, so ähnlich tat ich es mit meinen Brüdern. Ich erinnerte mich nicht, dass sie mir je etwas Böses angetan hatten, und so kam ich „nach Hause“ und stand meiner Skepsis und meiner Ängstlichkeit meinen Brüdern gegenüber ratlos visasvis. Mir war, als müsste ich mich vor ihnen fürchten, doch mir fiel kein Grund dafür ein, also schimpfte ich mich eine Närrin. Das bildest du dir alles nur ein, die haben dir doch nichts getan – oder hatten sie doch?

Schnell wurde mir wieder klar gemacht, dass ich ein ausgesprochen dummes Geschöpf war, das doof geboren wurde und nichts dazu gelernt hatte. Viele, viele ähnliche Negativsprüche, die noch heute in meinem Hirn herum kreisen, als wären sie dort zuhause, sorgten dafür, dass ich den Zweifel an meiner Dummheit –  den Tante Helga, Verena und der Schulbesuch in Wesseling in mir gesät hatten – und den Glauben daran, dass ich vielleicht doch ein ganz normales Mädchen war, schnell wieder verwarf. Ich war blöd! Punkt! Das machten mir zwei  meiner Brüder tagtäglich klar. Wer war ich, daran zu zweifeln? 

Mein Vater fand schnell eine Arbeitsstelle in dem Neuen Zuhause und auch meine Mutter ging nun erstmals einer regelmäßigen Arbeit nach. Das bedeutete für mich, dass ich nach der Schule in ein leeres Haus kam. Und dies wiederum bedeutete eine neue Ära der Angst, hervorgerufen durch eine Person, die sich in filigranster Feinarbeit in mein Herz gestohlen hatte und der ich gelernt hatte vollkommen zu vertrauen.

Als mein Onkels Roland mich das erste Mal besuchte freute ich mich sehr über sein plötzliches Auftauchen. Er hatte mir während meiner Zeit bei den Schröders das Gefühl gegeben, das meine Familie für mich noch nicht gänzlich verloren war. ER WAR in dieser Zeit meine Familie. Ich wunderte mich ein wenig, dass er zu uns kam, obwohl doch meine Eltern gar nicht zu Hause waren, aber vielleicht hatte er das ja nicht gewusst, sagte ich mir. Wie genau er gerade das gewusst hatte, wurde mir schneller klar, als mir lieb war. Die rhythmischen Bewegungen, die er  unter dem Tisch ausführte und die immer schneller wurden und schließlich von heftigem Atmen begleitet wurden, ließen selbst in mir, einem achtjährigen Mädchen, keinen Zweifel darüber aufkommen, dass er etwas tat, was höchst ungehörig  und schlecht war. Mir wurde schlecht und ich schämte mich zu Tode für das, was er da vor mir tat. Doch das war nicht einmal das Schlimmste. Es war das Vertrauen, dass er in mir aufgebaut hatte und das von einem Augenblick auf den nächsten in Scherben zerbrach. Er war der einzige Mensch in meiner Familie – von meinem Vater einmal abgesehen – der mir Respekt entgegengebracht hatte. Er hatte mir das Gefühl gegeben, dass ich doch etwas wert war, dass ich nicht die war, die nicht mehr hätte sein müssen. Ich hatte mich in seiner Gegenwart so gefühlt, wie ein kleines Mädchen sich wahrscheinlich fühlen sollte: Wertvoll. Und nun saß er vor mir und befriedigte sich vor meinen Augen.

Diese Besuche wurden nun zur schönsten Regelmäßigkeit. Ich begann mich hektisch umzusehen, wenn ich von der Schule nach Hause kam, nach seinem Auto Ausschau zu halten. Und wenn es nicht da war, dann lauschte ich im Haus auf jedes Geräusch, das einem näher kommenden Fahrzeug ähnelte. In unserer Haustür befand sich ein winziges Guckfensterchen das von innen mit einem Riegel geschlossen wurde. Wenn meine Mutter zur Arbeit ging, legte sie den Riegel nicht vor das Fenster, griff von außen durch das Fensterchen, drehte den Schlüssel im Schloss herum und ließ ihn stecken. Dann zog sie das Fensterchen von außen zu. In umgekehrter Reihenfolge verfuhren wir, wenn wir von der Schule kamen um ins Haus zu kommen. Den Trick kannte auch mein Onkel Roland. Das bedeutete, dass ich im Haus nicht vor ihm sicher war. Natürlich hätte ich die Tür abschließen und den Riegel vor das Fensterchen legen können und er wäre ausgeschlossen gewesen, aber so dumm war ich dann doch nicht, dass ich nicht gewusst hätte, dass ich damit meine Anwesenheit verraten hätte, denn unser Fensterchen war immer auf, außer nachts.  Und die Stärke, mich im Haus zu verschanzen und sein Rufen zu überhöre, besaß ich nicht. Irgendwann hätte ich ihm wieder unter die Augen treten und ihm erklären müssen, warum ich ihm nicht geöffnet habe.  Man hatte mir rechtzeitig beigebracht, dass Erwachsene immer das Richtige taten und man sich als Kind kein Urteil darüber zu erlauben hatte. Man hatte einfach nur zu gehorchen.

31. Okt, 2017

Je länger ich bei diesen Leuten bleiben musste, umso sicherer war ich mir, dass ich meine Eltern nicht mehr wiedersehen würde. Schließlich, nach zwei Wochen, musste ich sogar die Schule dort besuchen. Diese Zeit bei den Schröders war eine schreckliche und eine schöne Erfahrung für mich. Schön, weil ich lernte, wie wundervoll es war in Verena eine Freundin gefunden zu haben. Eine Freundin, die mir half in der neuen Schule als „normales Kind“ angesehen zu werden. Mit Verena an meiner Seite war ich jemand. Schrecklich, weil ich ein fürchterliches Kind sein musste, wenn nicht mal die Mama es bei sich haben wollte.

Dann begann Onkel Roland, der Mann meiner ältesten Schwester, mich regelmäßig bei den Schröders zu besuchen. Oder besuchte er Onkel Peter? Die Männer saßen in der Küche und spielten Karten, doch stets fiel mindestens eine Stippvisite bei mir im Kinderzimmer für mich ab. Zunächst war ich auch ihm gegenüber sehr scheu, doch mit der Zeit lernte ich ihm zu vertrauen – oder er lernte, sich mein Vertrauen zu erschleichen, wie immer man das sehen will. Jedes Mal wenn er kam, hatte ich die unbändige Hoffnung, er würde mir etwas von meinen Eltern erzählen, mir vielleicht sogar einen Gruß von ihnen ausrichten. Er war die einzige Verbindung zu meiner Familie. Doch jedes Mal wurde ich enttäuscht. Er sprach nie über sie und ich traute mich nicht nach ihnen zu fragen. Trotzdem freute ich mich immer sehr auf und über seine Besuche. Nie hatte mir vor ihm jemand gesagt, dass ich ein hübsches kleines Mädchen war. Für mich hatte der „Liebe Gott“ vielmehr Definitionen wie: „doof wie Bohnenstroh“, „Dir haben sie doch ins Gehirn geschissen und vergessen umzurühren“ oder „Dein Gesicht auf’nem Butterbrot, ich könnte vor Lachen nicht mehr reinbeißen“ erfunden. Und nun war da mein Onkel, der eigentlich mein Schwager war, und umgarnte mich mit schönen Worten. Eine neue Erfahrung. Beängstigend und schön zu gleichen Teilen.

Anhand diverser Anmeldeformulare lässt sich ersehen, dass ich gute drei Monate bei dieser Familie blieben musste oder durfte. Eine gleichermaßen wunderbare wie traumatische Zeit, da ich von meinen Eltern in dieser Zeit keinen Zipfel zu sehen bekam. So wie sie mich hier zurückgelassen hatten, tauchten sie schließlich wieder auf. Ich kam von der Schule – und da waren sie. Wiederum ohne Erklärung, ohne Ankündigung. Da saß sie, meine Mama die ich so sehr vermisst hatte, von der ich mir in diesen drei Monaten ein Bild geschmiedet hatte, das nur mit dem Wort „Engel“ zu umschreiben war. Meine verblasste Erinnerung ließ sie zur Gutherzigkeit in Person werden, der liebenswürdigste Mensch auf Erden. Nie hatte ich je ein böses Wort aus ihrem Munde gehört. Die harten Blicke und eiskalten Worte, mit denen sie mich bedacht hatte, seit ich in ihren Augen zum Flittchen mutiert war, dass ihre Söhne schändlich verführt hatte, hatte ich einfach in einen weit entfernten Winkel meines Hirn geschoben, sowie den Missbrauch selbst auch. Umso barbarischer war es, die Wahrheit so plötzlich vor Augen geführt zu bekommen. Mama saß im Esszimmer der Schröders und würdigte mich keines Blickes, geschweige denn eines Wortes. Und auch mein Vater hatte nur ein kurzes: „Hallo Schneckchen“ für mich. Es war Onkel Roland, der sich die Mühe machte von seinem Stuhl aufzustehen und zu mir herüberzukommen. „Jetzt gehst du endlich nach Hause, Mädchen!“, versicherte er mir und fuhr mir mit der Hand übers Haar.

Die ersten Worte, die Meine Mutter an mich richtete waren typisch für sie, wie ich jetzt wieder wusste: „Los jetzt! Sachen packen und dann los!“

7. Okt, 2017

Ich ging bereits zur Schule, etwa Anfang 2tes Schuljahr, als mein Vater wegging.

Bei allem was er getan hatte – wovon ich nichts wusste – war er für mich so etwas wie mein Rettungsanker. Er war es, der auch mal ein nettes Wort für mich übrig hatte, wenn meine Mutter nicht in der Nähe war. Er erklärte mir die Dinge des Lebens; warum man bei einem Gewitter nicht einsam auf weiter Flur stehen sollte, oder warum ein kleines Mädchen nicht beim Schlachten von Hühnern zusehen sollte (was das kleine Mädchen dann heimlich doch getan hat und einen Schreikrampf bekam, als das Huhn kopflos umherflatterte).

Und nun war er weg. Einfach so.

In der Schule erlebte ich von Anfang an Ausgrenzung, da ich mich selber ausgrenzte. Ich war anders! Ich hatte zu viele Geheimnisse, die ich ja niemandem erzählen durfte und wann immer mir ein anderes Kind neugierige aber harmlose Fragen nach meinen Brüdern stellte, geriet ich in Panik. Nichts erzählen!!! Ich fand eine, wie ich fand, wunderbare Taktik ihren Fragen auszuweichen: ich antwortete einfach nicht. Ich starrte in die Luft und tat so, als hätten sie mich gar nicht angesprochen. So macht man sich natürlich keine Freunde. Schnell war ich der Sonderling, schließlich tickte ich nicht richtig, wer wollte sich mit so einer schon abgeben. Man zeigte mit Fingern auf mich.  und ich war dann sehr schnell sehr allein unter vielen. Ich stand auf dem Schulhof in der Ecke und hoffte dass die Pause bald vorbei war.

Einige Tage nach dem Verschwinden meines Vaters kam meine älteste Schwester samt Schwager zu Besuch. Sie erklärte mir, dass mein Vater im Krankenhaus läge, da er sehr krank sei. Bis dahin hatte ich voller Panik gedacht, das seltsame Verschwinden von Familienmitgliedern würde weiter fortschreiten. „Wann kommt er denn wieder, wollte ich wissen. „Wenn er gesund ist!“

Eineinhalb Jahre blieb mein Vater im „Krankenhaus“. Als mich in dieser Zeit einmal ein Toilettengang unfreiwillig ein Gespräch der Erwachsenen belauschen ließ, stellte ich wieder einmal fest, dass es für viele Dinge im Leben Worte speziell für Kinder gab. In der Unterhaltung der Erwachsenen hieß das Krankenhaus ganz anders. Nämlich Zuchthaus!

Leider war es ich, die in dem kleinen Lädchen im Dorf die kleinen Dinge einkaufen musste, die zwischen den Großeinkäufen ausgingen. Leider deshalb, weil es sehr anstrengend war, den ständigen und neugierigen Fragen der Dorfbewohner auszuweichen. „Erst holen die deine Schwester ab und jetzt ist auch noch dein Vater weg. Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu bei euch!“ -  „Papa ist krank“, wiederholte ich gebetsmühlenartig, was man mir erklärt hatte. „Er liegt im Krankenhaus“, doch neugierige Erwachsene sind ein Fluch für ein kleines Mädchen. Als mein Vater schließlich aus dem Zuchthaus entlassen wurde, währte die Freude darüber, dass er wieder da war für mich nicht lange. Durch das Gerede im Dorf, wurde der Druck auf die Familie so groß, dass es sie dort nicht länger hielt. Eines Tages erzählte mein Vater mir, dass wir für ein paar Tage eine befreundete Familie besuchen würden. „Die haben zwei kleine Kinder, mit denen kannst du spielen“, versuchte Papa mir den Besuch schmackhaft zu machen. Aber ich hatte inzwischen Angst vor fremden Menschen und noch immer schwebte das Damoklesschwert der Bestrafung über mir. Meine beiden Brüder ließen mich nicht vergessen, dass ich einen von ihnen verraten hatte und mir dafür irgendwann etwas Schlimmes passieren würde.

Schließlich war es soweit und wir besuchten besagte Familie. Die Mutter war eigentlich sehr nett, aber sie war ein „fremder Mensch“, deshalb dauerte es lange, bis ich das realisierte. Ich durfte sie Tante Helga nennen. Onkel Peter, ihr Mann, war das, was dieser Begriff beinhaltet: ein Mann. Vor Männern fürchtete ich mich ganz besonders. Die beiden Kinder, Peter und Verena waren ein Jahr jünger und ein Jahr älter als ich und mit Verena verstand ich mich außerordentlich gut. Sie war bezaubernd, sie hatte Spielsachen, die ich nie zuvor gesehen hatte und sie teilte sie mit mir. Bereits am zweiten Tag schlug Tante Helga uns beiden Mädchen ein Picknick vor. Ich war begeistert! Mit Puppenwagen, Picknickkorb und Decke machten wir uns auf den Weg. Es war wunderschön.  

Als wir von dem Picknick zurückkamen holte meine Strafe mich endlich ein. Meine Eltern waren fort! Sie hatten mich einfach dort bei diesen wildfremden Mensch zurückgelassen. Ohne eine Erklärung, ohne ein Wort des Abschieds. Einfach weg. Ich brach schreiend in der Küche dieser Frau zusammen, denn für mich stand fest: Mama hatte mich verlassen. Ich würde sie nie mehr wiedersehen. Nur langsam drangen Tante Helgas Erklärungen zu mir durch, dass wir kein Zuhause mehr hatten und dass meine Eltern erst eine neue Wohnung für uns finden mussten. Sobald sie diese gefunden hätten, würden sie mich wieder abholen. Ich glaubte ihr kein Wort. Dies war meine Strafe, schließlich hatte man sie mir lange genug angekündigt. Schließlich hatte ich über zwei Jahre lang jede Nacht zitternd vor Angst vor eben dieser Bestrafung im Bett gelegen.