Meine Geschichte

31. Dez, 2018
30. Dez, 2018

"Zum Opfer wird man durch andere gemacht und leiden tut man selbst; ein Leben lang."

Jennifer Höver
19. Jun, 2018

Das neue Wissen um meine Vergangenheit, ließ mich im Innern noch kleiner werden. Meine Mutter hatte immer recht gehabt, wenn sie mich verdorben genannt hatte, sie hatte recht gehabt, dass man –auch als die beste Mutter der Welt– ein so schlechtes Kind wie mich unmöglich lieben konnte. Deshalb, das verstand ich nun, konnte sie gar nicht anders, als mich hassen. Es kam mir gar nicht in den Sinn, dass an dem Sachverhalt, den ich nun seit meinem Flashback kannte, gar nicht ich die Schuld trug. Es waren meine beiden großen Brüder gewesen, die mich mehr mit psychischer als physischer Gewalt auf ein Bett gedrückt und festgehalten hatten als ich fünf Jahre alt gewesen war. Es war mein dritter Bruder gewesen, der sich über mich gelegt hatte während die beiden seine ungeschickten Versuche dirigiert, kommentiert und schließlich mit der Bestätigung „ist drin!“ belohnt hatten. Mich traf keine Schuld, im Gegenteil. Das weiß ich heute, doch die Gehirnwäsche die sie mir verpasst hatten, ließ mich so lange etwas anderes glauben, bis ein Therapeut in vielen, vielen Therapiestunden dieses Denken zumindest zeitweise revidierte. 

Mit diesem neuen Wissen stand es außer Frage, dass ich es verdiente, dass mein Onkel sich vor meinen Augen befriedigte. Meine Mutter vermutete es unternahm jedoch nichts dagegen, also war es wie sie sagte: ich war ein verdorbenes Stück Dreck. So musste es sein.

Einige Jahre später tat meine Mutter sogar das Gegenteil von „nichts dagegen“. Ich war inzwischen vierzehn Jahre alt, mein Onkel hatte sich im Baugewerbe selbstständig gemacht und meine Schwester sollte die Bauarbeiter von Baustelle zu Baustelle fahren. Hinderlich war nur, dass zuhause inzwischen fünf Kinder im Alter zwischen fünf Monaten und zehn Jahren zu versorgen waren. Nichts leichter als das. Ich sollte die Fünf beaufsichtigen, wenn Martha unterwegs war. Ich hoffte und betete, meine Mutter würde dagegen sprechen, als Martha mit der Bitte auf uns zukam, denn ich hatte längst keine eigene Stimme mehr. Ich hätte niemals gewagt Nein zu sagen. Und Mama schickte mich direkt in die Höhle des Löwen. Dankeschön auch dafür, Mama! 

Tagsüber hütete ich also seine Kinder und nachts kam er zu mir ans Bett. Bis hierher hatte er mich nie angefasst, „nur“ sich selbst. Das änderte sich nun. Jede Nacht setzte er sich zu mir auf die Bettkante und ließ seine Hände unter der Bettdecke wandern. Jede Nacht die ich in diesen sechs Monaten durchlebte, spiegelt sich heute in meiner Schlaflosigkeit und meiner Geräuschempfindlichkeit wider, denn mein Onkel war ein Meister im Schleichen und es war eine Überlebensstrategie ununterbrochen angestrengt und mit wild klopfendem Herzen auf jedes Geräusch zu lauschen: Kommt er jetzt? Es war ein bärisch heißer Sommer, doch ich schlief jede Nacht in einer dicken Wollstrumpfhose unter meinem Nachthemd, da ich das Gefühl seiner Hände auf meiner Haut schier nicht aushalten konnte. Ich hasste diesen Menschen, der er in der Nacht war, wie die Pest. Tagsüber war Onkel Roland der freundlichste und liebenswerteste Mensch, jemand der mir mit Respekt und Wohlwollen entgegentrat. Er verteidigte mich gegen jeden, der mir böses wollte und brachte mir mit einer Engelsgeduld simple Dinge, wie z.B. Rühreier braten bei. Dieser Widerspruch zerriss mich förmlich innerlich in zwei Teile. Ich liebte ihn, ich hasste ihn. Noch heute wache ich zuweilen auf, weil ich im Schlaf zu spüren glaube, wie die Matratze sich unter seinem Gewicht biegt. Dann hat die Panik mich wieder voll im Griff.

7. Mrz, 2018

Er hatte von meiner Gegenwehr ein blaues Auge und eine aufgeplatzte Lippe davongetragen, die er seiner Frau (sprich meiner Schwester) mit Unachtsamkeit erklärte. Er sei in ihrer Küche vor die Türkante gelaufen. Warum das blaue Auge links, seine Lippe aber auf der rechten Seite aufgeplatzt war erklärte diese Story nicht. Wahrscheinlich hat es ihm so gefallen, dass er gleich noch einmal vor die Tür gelaufen ist.

Er wäre sicher mit der Geschichte durchgekommen, denn ich hätte geschwiegen wie ein Grab – wie immer. Doch Onkel Roland hatte die Rechnung ohne Christine gemacht. Dieses Mädchen hatte einen Schneid von dem ich nur träumen konnte. Für sie kam es überhaupt nicht in Frage, irgendetwas unter den Teppich zu kehren. Sie war in unserem Haus sexuell belästigt worden und das tat sie auch kund. Sie besuchte meine Eltern einen Tag nach dem Geschehen und berichtete, was geschehen war. Doch nicht nur das, sie sprach auch vor meinen Eltern den Verdacht aus, dass mein Onkel auch mir dasselbe antat. Sie behielt sich vor Anzeige zu erstatten, was sie aber nie getan hat. Aber Ich habe dieses schöne Mädchen danach nie wieder gesehen. Den von ihr geäußerten Verdacht, dass mein Onkel mit mir dasselbe tat, behandelten meine Eltern so, wie sie es am besten konnten: totschweigen. Dass ich Christine durch mein couragiertes Eingreifen gerettet hatte, wie sie meiner Familie in den plastischsten Farben geschildert hatte, wurde von meinem Vater und meinen Brüdern mit Begeisterung aufgenommen. Für einige wenige Tage war ich der Held der Familie, dem man schmunzelnd auf die Schultern klopfte. „Kannste dir die vorstellen, wie die auf den Roland eindrischt?! Klasse man!“

Meine Mutter allerdings quälte anscheinend eine andere Frage: Was hatte Roland hier zu suchen gehabt? Er wusste, dass sowohl meine Brüder, als auch meine Eltern arbeiten waren. Was also wollte er hier bei uns zu Hause? Diese Überlegung ließ sie wieder mit Argusaugen misstrauisch in meine Richtung schauen. Wieder stand der Ausdruck „Verdorbenes Miststück“ zwischen uns, wenn sie es auch nicht aussprach. Noch nicht.

Einige Monate später, Onkel Roland hatte mir bereits wieder den einen oder anderen Besuch abgestattet (zu meiner größten Erleichterung hatte er dabei nie die unschöne Geschichte auch nur mit einem Wort erwähnt), war es nun wieder soweit. Ich lag mit hohem Fieber auf dem Sofa, als der Arm durch das Fensterchen im Flur griff und den Schlüssel in der Tür herumdrehte. Ich hörte ihn durch die Wohnung schleichen, spürte bereits Erleichterung, weil er mich im Wohnzimmer offensichtlich nicht vermutete, als die Tür sich leider doch öffnete und er mich besorgt anschaute. „Ja Mädchen, was ist denn mit dir passiert?“ Ich erklärte ihm, dass ich eine Angina hätte und deshalb hier unter der Decke liegen bleiben musste. Er kitzelte die alte Vertrautheit wieder hervor, indem er allergrößte Rücksicht auf meinen Zustand nahm. Fürsorglich setzte er mich in meinem provisorischen Bett auf, stützte mich mit Kissen und Decke, sodass ich auf dem Sofa sitzen konnte. Dann spielte er mit mir „Mensch ärgere dich nicht“. Er bemühte sich sehr, mich nicht merken zu lassen, dass er mich gewinnen ließ, und am Ende hatte ich fünf Mark beim „Mensch ärgere dich nicht“ gewonnen. Erschöpft legte ich mich wieder hin und er ging von dannen, ohne … das Übliche. Ich war voll des guten Gefühls für diesen Menschen, der mir in der Zeit bei den Schröders so zur Seite gestanden war. Nun wusste ich wieder, warum ich ihm so vertraut hatte. Onkel Roland war ein guter Mensch.

Meine Mutter war anderer Meinung. Ich nenne es mal die Hand Gottes, die sich über die Erinnerung an meinen Frühkindlichen Missbrauch gelegt hatte und mich das alles hatte vergessen lassen. Als meine Eltern an diesem Tag nach Hause kamen und ich Mama freudestrahlend die gewonnenen fünf Mark zeigte, tat meine Mutter etwas, was Gottes Hand dazu verleitete, sich Finger für Finger von dem Schmutz der in meinem Gedächtnis verborgen war zu erheben. Mama stand plötzlich keifend vor mir. Sie beschimpfte mich als „dreckiges Flittchen“ und die Worte „Verdorbenes Luder“ standen nicht mehr länger nur zwischen uns, sie wurden mir entgegen geschrien. Viele andere Beschimpfungen der untersten Schublade folgten. Ich war acht Jahre alt und meine Mutter war der Meinung ich hätte die Beine breit gemacht für meinen Onkel. Ich wusste nicht wovon sie redete. Doch diese keifende Gestalt, die da vor mir stand, löste einen Trigger aus und ich bekam das erste Flashback meines Lebens. Ich war plötzlich wieder fünf Jahre alt und meine Mutter stand mit meiner spermabeschmutzten Unterwäsche in der Hand  vor mir und verlangte zu wissen, wer das gewesen war. Plötzlich war die Erinnerung bruchstückeweise wieder da. Wer nie ein Flashback hatte, wird nicht verstehen, was das mit einem macht. Du bist tatsächlich für einen Augenblick oder auch mehrere in der Vergangenheit. Als wärest du in ein Loch in der Zeit gestürzt, erlebst du, was du einst erlebt hast, fühlst vor allem, was du damals gefühlt hast. Das Gedächtnis gibt Stückchenweise böse Erinnerungen preis, von denen es glaubt, du wärest jetzt in der Lage damit umzugehen. Es irrt sich!

Die Angst, die ich in Gegenwart einiger meiner Brüder immer empfunden hatte, seit ich von den Schröders zurück war, für die ich mich immer selbst ausgelacht, mich verrückt geschimpft hatte, plötzlich hatte sie ihre Berechtigung. Ich sah mich plötzlich der Tatsache gegenüber, dass meine Brüder mit mir tatsächlich schreckliche Dinge getan hatten. Das war so unbegreiflich, so grausam, dass ich weinend und schreiend zusammensackte. Mein Vater schrieb die meinem Fieber zu, meine Mutter jedoch, sah darin die Bestätigung in allem, was sie mir an den Kopf geworfen hatte. 

26. Jan, 2018

Onkel Roland berührte mich nicht unsittlich. Das Höchste was er tat war, dass er mich mal von hinten mit beiden Armen in eine feste Umarmung zog und mich dabei fest an sich drückte. Ich starb jedes Mal tausend Tode, wenn er das tat, wie ich jedes Mal tausend Tode starb, sobald er unser Haus betrat. Doch er fasste nie irgendwohin, wo es sich nicht gehörte – außer, sich selbst in den Schritt.

Das ständige Lauschen darauf, ob er nun kommt oder nicht, schult das Gehör und das Gehirn ist mit der Zeit auf bestimmte Geräusche fixiert und geht auf seine Weise damit um: Ein sich öffnender Reißverschluss kann Brechreiz auslösen, auf dem Linoleum schabende Schuhsohlen hingegen, die das verspritzte Sperma gleichmäßig auf dem Fußboden verteilen, bis man es nur noch erahnen kann, wirken befreiend, läuten sie doch das Ende von etwas ein, das einem solche Angst macht, dass man tatsächlich jeden einzelnen des eigenen Herzschlages in den Haarspitzen sehen kann und das einen sich wirklich, wirklich wie Dreck fühlen lässt.

Ich war anscheinend nicht so blöd, wie meine Brüder mich gerne hinstellten. Wenn ich von der Schule nach Hause kam, befestigte ich eine dünne Schnur am Riegel vom Badezimmerfenster. Wenn ich Onkel Roland rechtzeitig kommen sah oder hörte, kletterte ich durchs Fenster, zog an der Schnur und legte draußen einen Stein auf die Schnur, sodass das Fenster von innen auf den ersten Blick geschlossen wirken musste. In der Hoffnung, dass ihm die Schnur am Badezimmerfenster nicht ins Auge fiel, schlich ich dann ums Haus herum und versteckte mich im Schuppen, bis ich sein Auto wieder wegfahren hörte.  Manchmal, wenn mir mein Gefühl schon auf dem Heimweg von der Schule sagte, dass er heute kommt, verschanzte ich mich gleich im Schuppen und wartete dort Stundenlang, bis ich entweder feststellen musste, dass mein Gefühl mich getäuscht hatte, oder Onkel Roland unverrichteter Dinge wieder wegfuhr.

Ich habe nie gelernt mich zu wehren. Diese Eigenschaft, sollte sie einem Menschen angeboren sein, hat man mir erfolgreich aberzogen. Wenn es allerdings um andere Menschen geht, dann kann ich zum Tier werden. Dieses Phänomen ist mir das erste Mal begegnet, als ich eine Freundin mit nach Hause brachte. Sie war eigentlich die Freundin meines nächstälteren Bruders Martin. Scheinbar hatte sie aber ein Gespür dafür, dass mit mir etwas nicht stimmte. Christine verbrachte viel Zeit mit mir und sie redete mir immer wieder gut zu, ihr vertrauen zu können, wenn es da etwas gäbe, über das ich gerne reden wöllte. Ich konnte aber nicht darüber reden, denn, wenn ich mich auch nicht richtig daran erinnerte, so wusste ich doch instinktiv, dass ich ein verdorbenes Miststück war. So etwas erzählt man nicht einem Menschen, von dem man so gerne gemocht werden wollte, wie ich es von Christine wollte. Sie war so ein hübsches Mädchen, mit langen braunen Locken und sie wirkte so selbstsicher und geradeheraus. Sie hatte etwas von Verena, die ich sehr vermisste, denn seit ich Verena nicht mehr an meiner Seite hatte, war auch die Schule wieder ein Spießrutenlaufen für mich. Mehr noch, als je zuvor.

Doch zurück zu  Christine. Eines Tages besuchte sie mich zu Hause. Wir saßen in der Küche, als ein Arm sich durch das Fensterchen in der Haustür schob und der Schlüssel sich im Schloss drehte. Onkel Roland marschierte zur Tür herein. Zunächst fühlte ich mich sicher, schließlich war ich nicht alleine und in Anwesenheit von Christine würde er doch sicher nicht … Oder?

Ich weiß nicht mehr wie die Situation außer Kontrolle geriet, jedenfalls umschlangen seine Arme plötzlich von hinten das schöne Mädchen, das ich so bewunderte und das plötzlich panisch in seinen Armen zu zappeln begann. „Nein, nein. Bitte nicht!“, schrie sie und ich vernahm die grenzenlose Angst in ihrer Stimme. Ein Gefühl das ich nur zur Genüge kannte und das dieses reine Geschöpf niemals spüren durfte. Als ich sah, wie seine Hand plötzlich ihre junge, unschuldige Brust umschloss und Christine gleichzeitig aufschreien hörte, war da plötzlich eine starke Seite in mir. Plötzlich hielt ich den Besen in meinen Händen und drosch damit auf den Kopf meines Onkels ein. Zunächst lachte Onkel Roland noch, doch ich hörte nicht auf, auf ihn einzuschlagen, bis er sie los lies. Wir flüchteten und ich verschwendete keinen Gedanken daran, dass ich meinem Onkel irgendwann wieder in die Augen schauen musste – wobei dies mehr im übertragenen Sinne gemeint ist, denn ich schaute – und schaue noch heute – Menschen niemals in die Augen. In diesem Moment war mir alles egal, wenn nur dieses Mädchen niemals dieselbe Angst erleiden musste, die längst eingefleischter Teil meines Lebens war.