Meine Geschichte

12. Okt, 2017
11. Okt, 2017

Aus Datenschutzgründen habe ich die Namen der Personen geändert.

7. Okt, 2017

Ich ging bereits zur Schule, etwa Anfang 2tes Schuljahr, als mein Vater wegging.

Bei allem was er getan hatte – wovon ich nichts wusste – war er für mich so etwas wie mein Rettungsanker. Er war es, der auch mal ein nettes Wort für mich übrig hatte, wenn meine Mutter nicht in der Nähe war. Er erklärte mir die Dinge des Lebens; warum man bei einem Gewitter nicht einsam auf weiter Flur stehen sollte, oder warum ein kleines Mädchen nicht beim Schlachten von Hühnern zusehen sollte (was das kleine Mädchen dann heimlich doch getan hat und einen Schreikrampf bekam, als das Huhn kopflos umherflatterte).

Und nun war er weg. Einfach so.

In der Schule erlebte ich von Anfang an Ausgrenzung, da ich mich selber ausgrenzte. Ich war anders! Ich hatte zu viele Geheimnisse, die ich ja niemandem erzählen durfte und wann immer mir ein anderes Kind neugierige aber harmlose Fragen nach meinen Brüdern stellte, geriet ich in Panik. Nichts erzählen!!! Ich fand eine, wie ich fand, wunderbare Taktik ihren Fragen auszuweichen: ich antwortete einfach nicht. Ich starrte in die Luft und tat so, als hätten sie mich gar nicht angesprochen. So macht man sich natürlich keine Freunde. Schnell war ich der Sonderling, schließlich tickte ich nicht richtig, wer wollte sich mit so einer schon abgeben. Man zeigte mit Fingern auf mich.  und ich war dann sehr schnell sehr allein unter vielen. Ich stand auf dem Schulhof in der Ecke und hoffte dass die Pause bald vorbei war.

Einige Tage nach dem Verschwinden meines Vaters kam meine älteste Schwester samt Schwager zu Besuch. Sie erklärte mir, dass mein Vater im Krankenhaus läge, da er sehr krank sei. Bis dahin hatte ich voller Panik gedacht, das seltsame Verschwinden von Familienmitgliedern würde weiter fortschreiten. „Wann kommt er denn wieder, wollte ich wissen. „Wenn er gesund ist!“

Eineinhalb Jahre blieb mein Vater im „Krankenhaus“. Als mich in dieser Zeit einmal ein Toilettengang unfreiwillig ein Gespräch der Erwachsenen belauschen ließ, stellte ich wieder einmal fest, dass es für viele Dinge im Leben Worte speziell für Kinder gab. In der Unterhaltung der Erwachsenen hieß das Krankenhaus ganz anders. Nämlich Zuchthaus!

Leider war es ich, die in dem kleinen Lädchen im Dorf die kleinen Dinge einkaufen musste, die zwischen den Großeinkäufen ausgingen. Leider deshalb, weil es sehr anstrengend war, den ständigen und neugierigen Fragen der Dorfbewohner auszuweichen. „Erst holen die deine Schwester ab und jetzt ist auch noch dein Vater weg. Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu bei euch!“ -  „Papa ist krank“, wiederholte ich gebetsmühlenartig, was man mir erklärt hatte. „Er liegt im Krankenhaus“, doch neugierige Erwachsene sind ein Fluch für ein kleines Mädchen. Als mein Vater schließlich aus dem Zuchthaus entlassen wurde, währte die Freude darüber, dass er wieder da war für mich nicht lange. Durch das Gerede im Dorf, wurde der Druck auf die Familie so groß, dass es sie dort nicht länger hielt. Eines Tages erzählte mein Vater mir, dass wir für ein paar Tage eine befreundete Familie besuchen würden. „Die haben zwei kleine Kinder, mit denen kannst du spielen“, versuchte Papa mir den Besuch schmackhaft zu machen. Aber ich hatte inzwischen Angst vor fremden Menschen und noch immer schwebte das Damoklesschwert der Bestrafung über mir. Meine beiden Brüder ließen mich nicht vergessen, dass ich einen von ihnen verraten hatte und mir dafür irgendwann etwas Schlimmes passieren würde.

Schließlich war es soweit und wir besuchten besagte Familie. Die Mutter war eigentlich sehr nett, aber sie war ein „fremder Mensch“, deshalb dauerte es lange, bis ich das realisierte. Ich durfte sie Tante Helga nennen. Onkel Peter, ihr Mann, war das, was dieser Begriff beinhaltet: ein Mann. Vor Männern fürchtete ich mich ganz besonders. Die beiden Kinder, Peter und Verena waren ein Jahr jünger und ein Jahr älter als ich und mit Verena verstand ich mich außerordentlich gut. Sie war bezaubernd, sie hatte Spielsachen, die ich nie zuvor gesehen hatte und sie teilte sie mit mir. Bereits am zweiten Tag schlug Tante Helga uns beiden Mädchen ein Picknick vor. Ich war begeistert! Mit Puppenwagen, Picknickkorb und Decke machten wir uns auf den Weg. Es war wunderschön.  

Als wir von dem Picknick zurückkamen holte meine Strafe mich endlich ein. Meine Eltern waren fort! Sie hatten mich einfach dort bei diesen wildfremden Mensch zurückgelassen. Ohne eine Erklärung, ohne ein Wort des Abschieds. Einfach weg. Ich brach schreiend in der Küche dieser Frau zusammen, denn für mich stand fest: Mama hatte mich verlassen. Ich würde sie nie mehr wiedersehen. Nur langsam drangen Tante Helgas Erklärungen zu mir durch, dass wir kein Zuhause mehr hatten und dass meine Eltern erst eine neue Wohnung für uns finden mussten. Sobald sie diese gefunden hätten, würden sie mich wieder abholen. Ich glaubte ihr kein Wort. Dies war meine Strafe, schließlich hatte man sie mir lange genug angekündigt. Schließlich hatte ich über zwei Jahre lang jede Nacht zitternd vor Angst vor eben dieser Bestrafung im Bett gelegen.

11. Sep, 2017

Wie eine Mutter den Blutfleck im Bett ihrer fünfjährigen Tochter einfach ignorieren kann ist mir heute, da ich selber Mutter bin, ein Rätsel.

Etwa ein Jahr später, als sie jedoch meine mit Sperma beschmutzte Unterwäsche im Jungenzimmer fand, verlangte sie Antworten von mir. „Wer war das?“, war ihre immer wiederkehrende Frage, während ich nicht wusste wie ich mit dem Schmerz umgehen sollte, den der Stuhl unter mir beim Sitzen bereitete.

Keine Fragen wie: „Wie geht es dir?“ oder „Haben sie dir weh getan?“. Nein, immer wieder schrie sie mir nur diese drei Worte entgegen. Als sie mich auch noch durchschüttelte, verriet ich ihr schließlich einen Namen, den sie nicht hatte hören wollen. Schlimmer noch war, dass ich ihn nicht hätte sagen dürfen.

Von Stund an hatte ich fürchterliche Angst, dass nun all die Dinge geschehen würden, die sie mir angedroht hatten für den Fall, dass ich je etwas verriet: Der Geist würde kommen und mich holen, wenn ich jedoch Glück hatte, dann würden die Polizisten schneller sein und mich in ein Heim bringen, bevor der Geist mich in seine kettenschwingenden Finger bekam. So oder so, Mama würde mich nie mehr wiedersehen wollen. Sie würde mich hassen. Und das tat sie dann auch.

Sie verachtete mich geradezu, nannte mich ein verdorbenes Stück Dreck und verkommenes Luder. Begriffe mit denen ich rein altersmäßig nichts anzufangen wusste, aber die Art und Weise wie sie sie mir an den Kopf war, ließ keinen Zweifel daran, dass meine Brüder zumindest in diesem Punkt recht behalten hatten. Ich hatte den letzten minimalen Rest der Liebe meiner Mutter verloren, Mama hasste mich!

Von meinem Vater hatte ich keine Hilfe zu erwarten. Durch die Schuld die er auf sich geladen hatte, schwebte ein Damoklesschwert über ihm, das ihn mir aus dem Weg gehen ließ, um die Eifersucht seiner Frau nicht unnötig auszureizen. Ich erinnere mich, dass er es einmal gewagt hatte für mich Partei zu ergreifen. Das Resultat wollten wir beide nicht haben. „Ist die jetzt die Nächste oder haste´se schon …?“. „Nimm sie doch mit in dein Bett, das dreckige Luder …“

Ich hätte ihr in vielem Recht gegeben, wenn ich damals gewusst hätte was mein Vater getan hatte, aber ICH war die unschuldigste Person überhaupt im ganzen Haus. Unschuldig uns schutzbedürftig.

Was meinen Vater betraf, auch ihn verlor ich schließlich; für eine Weile jedenfalls. 

22. Aug, 2017

"Zum Opfer wird man durch andere gemacht und leiden tut man selbst; ein Leben lang."

Jennifer Höver