Meine Geschichte

31. Dez, 2018
30. Dez, 2018

"Zum Opfer wird man durch andere gemacht und leiden tut man selbst; ein Leben lang."

Jennifer Höver
16. Sep, 2018

Dann lernte ich meinen zukünftigen Ehemann kennen und damit änderte sich alles. Er war in der Kneipe unser bester Kunde und eigentlich konnte ich ihn nicht leiden, weil er gerne und viel trank.  Als er sich jedoch ernsthaft für mich interessierte, war das eine höchst neue Erfahrung für mich. Niemand hatte sich je ernsthaft für mich interessiert. Und plötzlich interessierte ich mich auch für ihn. 

Kaum war ich seine Freundin, konnte ich mich plötzlich gegen jedweden Missbrauch wehren. Niemand außer ihm durfte mich mehr anfassen. Zuhause lehnte ich mich gegen meine Eltern auf, die mich ein billiges Flittchen schimpften, weil ich erst 16 und mit einem Mann zusammen war, der 32 Jahre alt war und doch nur das Eine im Sinn hatte und mich fallen lassen würde sobald er dieses bekommen hatte.  

Ein Jahr später kämpfte ich zusammen mit diesem Mann hochschwanger beim Jugendamt darum, vier Monate vor meinem 18. Geburtstag für Volljährig erklärt zu werden. Wir wollten unbedingt, dass unser Kind ehelich geboren wird. Ich siegte, heiratete diesen Mann und zwei Wochen später wurde meine Tochter geboren.  Das Glück schien mir endlich hold zu sein. Doch dieses Glück war sehr trügerisch. Meine Tochter starb im Alter von drei Wochen. Ich war erst  17 und musste mein eigenes Kind beerdigen.  

Diese Erfahrung trug laut Ärzteschaft maßgeblich dazu bei, dass es vier Jahre dauerte, bis ich wieder schwanger wurde. Ich hatte mir seit ich ein junges Mädchen war gewünscht später einmal eigene Kinder zu haben, die ich dann mit Liebe überschütten wollte. Sie sollten es einmal besser haben als ich. 

7. Aug, 2018

Mit 15 begann ich eine Lehre in einer Reinigung. Unsere Chefin war, wie soll man es sagen?, ja sie war ein Drachen. Ein feuerspeiender Drachen. Nicht nur wir Lehrlinge bekamen das tagtäglich zu spüren, sogar der Chef selbst schien mit angelegten Ohren durchs Leben zu laufen. Ich nahm jede Schelte mit eingezogenem Kopf hin, das war ja nicht wirklich etwas Neues für mich. Als ich eines Tages aber hörte, wie der Drache Daniela, eine Lehrlingskollegin die ich schon öfter mal weinend aus dem Büro des Drachen habe kommen sehen, heftig zusammenstauchte, stellte ich mich dummerweise schützend vor das Mädchen und schrie nun meinerseits die Chefin an, wie sie dazu käme Daniela immer zum Weinen zu bringen. Es war das Ende meiner Lehre. Ich wurde mit den Worten nach Hause geschickt: „Sag deinem Vater du bist wegen Frechheit entlassen!“

Nachdem in nun kein Geld mehr verdiente, welches offensichtlich fest eingeplant gewesen war, beschaffte man mir kurzerhand eine neue Stelle. Ich war ängstlich und verschämt und hatte fürchterliche Angst vor jedem männlichen Zweibeiner. Deshalb war der Job den sie mir angedeihen ließen für mich wie gemacht: Sie steckten mich zum kellnern in eine Kneipe!

Das war schlecht, denn ich war nun tagtäglich von dem Umgeben, was ich am meisten fürchtete: Männer, derbe und oftmals betrunken.

Das war gut, denn mit der Zeit lernte ich hier etwas, was noch heute einen Teil meines Wesens ausmacht: Hab eine freche Klappe, damit kommst du am besten durchs Leben.

Ich verdiente 370 DM im Monat, musste davon 300 DM zu Hause abgeben und brauchte 80 DM für den Bus. Rechnen Sie selbst. Trinkgeld machte es möglich. Der letzte Bus am Abend fuhr um 9 Uhr 45, meine Arbeitszeit endete um 9 Uhr 30. Wenn ich nun diesen Bus verpasst hatte, war das eigentlich kein Beinbruch, denn mein Bruder – inzwischen verheiratet und Vater von drei Jungen – wohnte genau gegenüber der Kneipe. Dort konnte ich übernachten. Es war deshalb eigentlich kein Beinbruch, weil mein Bruder sich offensichtlich gerne an vergangene Zeiten erinnerte. Ich musste mit ihm und seiner Frau im Ehebett schlafen, und wenn seine Frau aufstehen und nach den Kindern sehen musste, frischte er diese Erinnerungen gerne auf. Und ich tat, was ich immer getan hatte, ich hielt den Mund und litt schweigend.

19. Jun, 2018

Das neue Wissen um meine Vergangenheit, ließ mich im Innern noch kleiner werden. Meine Mutter hatte immer recht gehabt, wenn sie mich verdorben genannt hatte, sie hatte recht gehabt, dass man –auch als die beste Mutter der Welt– ein so schlechtes Kind wie mich unmöglich lieben konnte. Deshalb, das verstand ich nun, konnte sie gar nicht anders, als mich hassen. Es kam mir gar nicht in den Sinn, dass an dem Sachverhalt, den ich nun seit meinem Flashback kannte, gar nicht ich die Schuld trug. Es waren meine beiden großen Brüder gewesen, die mich mehr mit psychischer als physischer Gewalt auf ein Bett gedrückt und festgehalten hatten als ich fünf Jahre alt gewesen war. Es war mein dritter Bruder gewesen, der sich über mich gelegt hatte während die beiden seine ungeschickten Versuche dirigiert, kommentiert und schließlich mit der Bestätigung „ist drin!“ belohnt hatten. Mich traf keine Schuld, im Gegenteil. Das weiß ich heute, doch die Gehirnwäsche die sie mir verpasst hatten, ließ mich so lange etwas anderes glauben, bis ein Therapeut in vielen, vielen Therapiestunden dieses Denken zumindest zeitweise revidierte. 

Mit diesem neuen Wissen stand es außer Frage, dass ich es verdiente, dass mein Onkel sich vor meinen Augen befriedigte. Meine Mutter vermutete es unternahm jedoch nichts dagegen, also war es wie sie sagte: ich war ein verdorbenes Stück Dreck. So musste es sein.

Einige Jahre später tat meine Mutter sogar das Gegenteil von „nichts dagegen“. Ich war inzwischen vierzehn Jahre alt, mein Onkel hatte sich im Baugewerbe selbstständig gemacht und meine Schwester sollte die Bauarbeiter von Baustelle zu Baustelle fahren. Hinderlich war nur, dass zuhause inzwischen fünf Kinder im Alter zwischen fünf Monaten und zehn Jahren zu versorgen waren. Nichts leichter als das. Ich sollte die Fünf beaufsichtigen, wenn Martha unterwegs war. Ich hoffte und betete, meine Mutter würde dagegen sprechen, als Martha mit der Bitte auf uns zukam, denn ich hatte längst keine eigene Stimme mehr. Ich hätte niemals gewagt Nein zu sagen. Und Mama schickte mich direkt in die Höhle des Löwen. Dankeschön auch dafür, Mama! 

Tagsüber hütete ich also seine Kinder und nachts kam er zu mir ans Bett. Bis hierher hatte er mich nie angefasst, „nur“ sich selbst. Das änderte sich nun. Jede Nacht setzte er sich zu mir auf die Bettkante und ließ seine Hände unter der Bettdecke wandern. Jede Nacht die ich in diesen sechs Monaten durchlebte, spiegelt sich heute in meiner Schlaflosigkeit und meiner Geräuschempfindlichkeit wider, denn mein Onkel war ein Meister im Schleichen und es war eine Überlebensstrategie ununterbrochen angestrengt und mit wild klopfendem Herzen auf jedes Geräusch zu lauschen: Kommt er jetzt? Es war ein bärisch heißer Sommer, doch ich schlief jede Nacht in einer dicken Wollstrumpfhose unter meinem Nachthemd, da ich das Gefühl seiner Hände auf meiner Haut schier nicht aushalten konnte. Ich hasste diesen Menschen, der er in der Nacht war, wie die Pest. Tagsüber war Onkel Roland der freundlichste und liebenswerteste Mensch, jemand der mir mit Respekt und Wohlwollen entgegentrat. Er verteidigte mich gegen jeden, der mir böses wollte und brachte mir mit einer Engelsgeduld simple Dinge, wie z.B. Rühreier braten bei. Dieser Widerspruch zerriss mich förmlich innerlich in zwei Teile. Ich liebte ihn, ich hasste ihn. Noch heute wache ich zuweilen auf, weil ich im Schlaf zu spüren glaube, wie die Matratze sich unter seinem Gewicht biegt. Dann hat die Panik mich wieder voll im Griff.