Meine Geschichte

31. Dez, 2018
30. Dez, 2018

"Zum Opfer wird man durch andere gemacht und leiden tut man selbst; ein Leben lang."

Jennifer Höver
28. Okt, 2018

Vier Jahre in denen wir alles versuchten, dass ich erneut schwanger wurde. Temperatur messen, Kopfstand, enthaltsame Tage vor meinem Eisprung, nichts half.

Hier nur zwei der Träume, die zeigten wie tief meine Seele durch den Verlust meiner Tochter geschädigt war:

Ich schaute aus irgendeinem Fenster im Erdgeschoss irgendeines Hauses. Obwohl ich eigentlich gar kein Kind in meinem Arm hielt, wer kennt solche Träume nicht?, plötzlich war mein Kind da und fiel aus dem Fenster. Und mit einem Mal war es auch gar kein Erdgeschossfenster mehr. Mein Kind fiel und fiel und fiel. Immer tiefer. Und ich schrie und schrie, bis ich unsanft an der Schulter gerüttelt wurde und feststellte: es war nur ein Traum. 

Ich spazierte ganz gemütlich über irgendeine Wiese. Genoss die schöne Landschaft bis ich plötzlich eine Holzhütte entdeckte. Neugierig lief ich hin und öffnete die Tür. Was ich dort vorfand ließ mich meinen Mann erneut mit meinen Schreien aufwecken: Ich sah meinen Vater in dieser Hütte. Er kniete auf dem Boden über meinen Säugling gebeugt. In der Hand hielt er ein Fleischermesser mit dem er, irre lachend, wieder und wieder auf mein Kind einstach. Diese und ähnliche Träume ließen mich die Nächte fürchten.

Nach vier Jahren beschlossen wir, dass mein Mann sich untersuchen lässt. Rauchen, Alkohol, alles Dinge die die Zeugungsfähigkeit eines Mannes beeinträchtigen könnten. Während wir noch damit beschäftigt waren einen geeigneten Arzt herauszusuchen und einen Termin zu vereinbaren, erübrigte sich die Untersuchung. Ablenkung vom immensen Kinderwunsch war wohl das Geheimnis, denn noch ehe er den ersten Termin wahrnehmen konnte war ich schwanger.

Diese Schwangerschaft war eine Prüfung. Im fünften Monat bekam ich so starke Wehen, dass ich die restliche Zeit der Schwangerschaft  im Krankenhaus bleiben musste. Die Ärzte schoben es auf den Schock des  Verlustes meiner Tochter. Ich musste diese Zeit streng liegend zubringen. Aufstehen war nicht möglich, weil sich schon wenn ich mich nur auf die Bettkante setzte und die Beine baumeln ließ, starke Wehen einstellten. So lag ich drei Monate in diesem Bett im Sieglarer Krankenhaus und wurde wie eine Pflegebedürftige  gewaschen etc. pp. Ich bekam die  Höchstdosis an wehen stillenden Medikamenten und –  wie schrecklich – Valium. Ich wurde fast Wahnsinnig bei dem Gedanken, dass mein kleiner Sohn von diesem Medikamentencocktail einen Großteil abbekam. Ich flehte den Arzt an wenigstens das Valium wegzulassen. Ich muss ihn wohl furchtbar genervt haben, denn irgendwann riet er mir auf eigene Verantwortung das Krankenhaus zu verlassen, wenn ich mit seiner Medikation nicht einverstanden wäre. 

Und er hatte recht. Ich entschloss, mir und meinem ungeborenem Sohn selbst zu helfen und steckte das Valium heimlich statt in den Mund in die Schublade. Eineinhalb Tage ging das gut, dann wurde mir klar, was der gute Doktor gemeint hatte. Ich bekam so starke Wehen, dass man mich bereits in den Kreißsaal schob, weil man davon ausging dass die Geburt nicht mehr zu verhindern wäre. Ich würde dieses Kind verlieren. Im 6ten Monat! 

Ich verlor ihn nicht und von nun an nahm ich brav alle meine Medikamente. Mein Sohn wurde in der 36 Schwangerschaftswoche geboren. Wie von den Ärzten vorhergesagt hatte er diverse Anfangsprobleme: er musste künstlich ernährt werden, da er die Nahrung nicht bei sich behielt. Außerdem bildete er nicht wie andere Babys eine gesunde Faust bei angezogenen Ärmchen, er griff nicht zu, wenn man den Finger in seine Handfläche legte, nein, seine Ärmchen lagen stets matt seitlich neben ihm ausgestreckt. Mit Krankengymnastik überredeten wir seinen Körper schließlich dazu, sich zu bewegen wie jeder andere Säugling. Das nächste Problem war die Ernährung: durch dass er die ersten Tage künstlich ernährt werden musste, verlor er seinen Saugreflex. Mir war nicht bekannt, dass so etwas möglich war. Also fuhr ich mehrmals täglich in die St. Augustiner Kinderklinik, wo ich versuchte ihm beizubringen, wie man trinkt. Die Krankenschwestern hatten für ein solches Geduldsspiel selbstverständlich nicht die Zeit. Durch drücken auf den Nucki spritzte ich jeweils etwas von der Milch in seinen Mund die er dann bereitwillig vom Nuckel abschleckte. Es dauerte eine Stunde, bis er auf diesem Wege 20 ml seiner Nahrung zu sich genommen hatte. Dann war er erschöpft – und ich auch. Eine Stunde später hatte er dann schon wieder Hunger und los ging’s in die nächste Runde. Aber die Prozedur lohnte sich. Ganz langsam lernte er wieder, wozu dieses Ding, dass wir ihm in den Mund schoben gut war. Mein Sohn ist heute ein wunderbarer, funktionierender erwachsener Mensch ohne Probleme mit Medikamenten oder Drogen (was in Bezug auf das Valium damals meine große Sorget war).

16. Sep, 2018

Dann lernte ich meinen zukünftigen Ehemann kennen und damit änderte sich alles. Er war in der Kneipe unser bester Kunde und eigentlich konnte ich ihn nicht leiden, weil er gerne und viel trank.  Als er sich jedoch ernsthaft für mich interessierte, war das eine höchst neue Erfahrung für mich. Niemand hatte sich je ernsthaft für mich interessiert. Und plötzlich interessierte ich mich auch für ihn. 

Kaum war ich seine Freundin, konnte ich mich plötzlich gegen jedweden Missbrauch wehren. Niemand außer ihm durfte mich mehr anfassen. Zuhause lehnte ich mich gegen meine Eltern auf, die mich ein billiges Flittchen schimpften, weil ich erst 16 und mit einem Mann zusammen war, der 32 Jahre alt war und doch nur das Eine im Sinn hatte und mich fallen lassen würde sobald er dieses bekommen hatte.  

Ein Jahr später kämpfte ich zusammen mit diesem Mann hochschwanger beim Jugendamt darum, vier Monate vor meinem 18. Geburtstag für Volljährig erklärt zu werden. Wir wollten unbedingt, dass unser Kind ehelich geboren wird. Ich siegte, heiratete diesen Mann und zwei Wochen später wurde meine Tochter geboren.  Das Glück schien mir endlich hold zu sein. Doch dieses Glück war sehr trügerisch. Meine Tochter starb im Alter von drei Wochen. Ich war erst  17 und musste mein eigenes Kind beerdigen.  

Diese Erfahrung trug laut Ärzteschaft maßgeblich dazu bei, dass es vier Jahre dauerte, bis ich wieder schwanger wurde. Ich hatte mir seit ich ein junges Mädchen war gewünscht später einmal eigene Kinder zu haben, die ich dann mit Liebe überschütten wollte. Sie sollten es einmal besser haben als ich. 

7. Aug, 2018

Mit 15 begann ich eine Lehre in einer Reinigung. Unsere Chefin war, wie soll man es sagen?, ja sie war ein Drachen. Ein feuerspeiender Drachen. Nicht nur wir Lehrlinge bekamen das tagtäglich zu spüren, sogar der Chef selbst schien mit angelegten Ohren durchs Leben zu laufen. Ich nahm jede Schelte mit eingezogenem Kopf hin, das war ja nicht wirklich etwas Neues für mich. Als ich eines Tages aber hörte, wie der Drache Daniela, eine Lehrlingskollegin die ich schon öfter mal weinend aus dem Büro des Drachen habe kommen sehen, heftig zusammenstauchte, stellte ich mich dummerweise schützend vor das Mädchen und schrie nun meinerseits die Chefin an, wie sie dazu käme Daniela immer zum Weinen zu bringen. Es war das Ende meiner Lehre. Ich wurde mit den Worten nach Hause geschickt: „Sag deinem Vater du bist wegen Frechheit entlassen!“

Nachdem in nun kein Geld mehr verdiente, welches offensichtlich fest eingeplant gewesen war, beschaffte man mir kurzerhand eine neue Stelle. Ich war ängstlich und verschämt und hatte fürchterliche Angst vor jedem männlichen Zweibeiner. Deshalb war der Job den sie mir angedeihen ließen für mich wie gemacht: Sie steckten mich zum kellnern in eine Kneipe!

Das war schlecht, denn ich war nun tagtäglich von dem Umgeben, was ich am meisten fürchtete: Männer, derbe und oftmals betrunken.

Das war gut, denn mit der Zeit lernte ich hier etwas, was noch heute einen Teil meines Wesens ausmacht: Hab eine freche Klappe, damit kommst du am besten durchs Leben.

Ich verdiente 370 DM im Monat, musste davon 300 DM zu Hause abgeben und brauchte 80 DM für den Bus. Rechnen Sie selbst. Trinkgeld machte es möglich. Der letzte Bus am Abend fuhr um 9 Uhr 45, meine Arbeitszeit endete um 9 Uhr 30. Wenn ich nun diesen Bus verpasst hatte, war das eigentlich kein Beinbruch, denn mein Bruder – inzwischen verheiratet und Vater von drei Jungen – wohnte genau gegenüber der Kneipe. Dort konnte ich übernachten. Es war deshalb eigentlich kein Beinbruch, weil mein Bruder sich offensichtlich gerne an vergangene Zeiten erinnerte. Ich musste mit ihm und seiner Frau im Ehebett schlafen, und wenn seine Frau aufstehen und nach den Kindern sehen musste, frischte er diese Erinnerungen gerne auf. Und ich tat, was ich immer getan hatte, ich hielt den Mund und litt schweigend.